Von Sandy, Smart Step, Silvers und dem Sparzwang in einer südhessischen Redaktion

Autor: nasa.gov / Lizenz: Public Domain

Der Hurrikan an der amerikanischen Ostküste war ohne Frage eine große Tragödie und hat sowohl Menschenleben gefordert als auch große Sachschäden verursacht. Allerdings wurde bei der Berichterstattung über diese Tragödie vergessen, dass man andere Krisenherde nicht ausblenden darf. So wurde beispielsweise mehr Energie darauf verwendet zu zeigen wie sich die Amerikaner auf Sandy einstellen, als zu zeigen wie sehr der Sturm auf seinem Weg zur amerikanischen Atlantikküste in Haiti und Kuba gewütet hat.


New Yorker, die sich amüsiert gegen die ersten vergleichsweise harmlosen Böen von Sandy legen waren für die Berichterstattung spannender, als ruiniertes Ackerland und zerstörte Hütten auf den Karibikinseln.
Natürlich kann man argumentieren, dass die Menschen in Amerika uns einfach näher stehen und wir uns auch besser mit ihnen identifizieren können. Jedoch darf man auch nicht außer Acht lassen, dass die Vereinigten Staaten einen guten Katastrophenschutz haben und wie kein anderes Land der Welt über die Kapazitäten verfügen, um schnell und effektiv ihren Opfern zu helfen. Anders jedoch ist die Lage in Haiti. Der Inselstaat hat noch immer nicht die Folgen des apokalyptischen Erdbebens von 2010 überwunden, das die einzelnen Städte schwer getroffen und 300.000 Menschen das Leben gekostet hat. Hier ist wirklich internationale Hilfe und Aufmerksamkeit gefragt. Denn die prekäre Lebensmittelsituation und die wieder aufkeimende Seuchengefahr könnten weitere Todesopfer fordern.
Ebenso verheerend wie unbeachtet waren die Auswirkungen des Taifuns Son Tinhs und des Zyklons Nilam, die Südostasien beziehungsweise Südindien schwer getroffen haben. Auch dort sind viele Todesopfer zu verzeichnen, Menschen obdachlos geworden und Ernten vernichtet. Jedoch gab es ein kaum hörbares mediales Echo in unseren Breiten und auch die sozialen Netzwerke, die oft vergessen gegangene Geschehnisse nach oben spülen, blieben bis auf ein paar wenige Ausnahmen ziemlich zurückhaltend und stürzten sich ebenso wie die Massenmedien auf die amerikanische Ostküste. Woran aber liegt dieser Tunnelblick? Können wir durch starre Nachrichtenstrukturen, die sich stark auf die Industrienationen fokussieren, nichts anders als die Schwellen- und Entwicklungsländer zu vergessen oder wollen wir ihre Probleme gar nicht sehen, weil wir es als alltäglich hinnehmen, dass das Leben der Menschen dort von Katastrophen beherrscht wird und wir dagegen ohnehin nichts tun können? Kann Haiti nur in die Schlagzeilen geraten, wenn mehrere Hunderttausend Menschen sterben?
Egal ob bewusst oder unbewusst eine solche Haltung ist zynisch und widerspricht eigentlich dem sozialen Auftrag dem sich westliche Medien selbst verschrieben haben.

Neben den Katastrophenmeldungen zu Hurricane Sandy beschäftigte der Präsidentschaftswahlkampf zwischen Mitt Romney und Barack Obama die deutschen und internationalen Medien in dieser Woche. Erwartet wurde ein spannendes Kopf-an-Kopf rennen, ein „nail-biter“, wie die Amerikaner sagen. Die Hype-Maschine der Medien rollte, selbst in Deutschland liefen nächtelange Sondersendungen. Dabei war, zumindest aus Sicht einiger Statistiker, der Wahlausgang schon seit Monaten relativ klar vorhersagbar. Der vielleicht prominenteste dieser Statistiker, Nate Silver, dessen Blog „fivethirtyeight“ seit einigen Jahren zum Internetauftritt der New York Times gehört, hatte schon seit Juni 2012 Obama als wahrscheinlichsten Sieger der Wahlen errechnet.

Silvers Vorhersagen beruhen auf der Auswertung einer sehr großen Anzahl an Wahlumfragen, die nach unterschiedlichen Faktoren gewichtet werden – etwa der Aktualität, dem Auftraggeber und der Größe der Stichprobe. Mit diesem Verfahren hatte Silver schon bei den Wahlen im Jahr 2008 in 49 der 50 US-Bundesstaaten den Wahlsieger richtig vorhergesagt. Dieses Jahr gelang es ihm, alle Bundesstaaten „richtig“ und selbst knappe Ergebnisse wie etwa in Florida äußerst präzise zu berechnen. Zwar gelang dieses Kunststück gleich mehreren Experten, wie eine Übersicht der Vorhersagen des Online-Magazins Slate zeigt. Silver musste sich und seine Methode jedoch während des Wahlkampfs mehrfach gegen öffentliche Anfeindungen aus den Reihen konservativer Wahlexperten verteidigen und gelang so zu einer oft zweifelhaften Prominenz.

Die unaufgeregte Berichterstattung zum US-Wahlkampf auf Silvers Blog war eine wohltuende Abwechslung zur emotionalisierten, mit jeder neuen Umfrage neu aufgeheizten Debatte in anderen Medien. Silvers Triumph erzeugte rege Resonanz in den sozialen Netzwerken, allen voran dem Kurznachrichtendienst Twitter. Unter dem Hashtag #natesilverfacts finden sich noch immer eine Reihe von Witzen, die mit der Sicherheit von Silvers Vorhersagen spielen.

In Deutschland zeigte derweil ein kritischer Bericht zum Thema Bewegungsdaten von Marc Dugge, Redakteur des hessischen Rundfunks, dass der Journalismus seiner gesellschaftlichen Verantwortung noch gerecht wird. Der O2-Mutterkonzern Telefónica wollte Bewegungsdaten an Unternehmen und öffentliche Stellen verkaufen, damit diese ihre Marketing-Strategien optimieren sollten. Ganz still und heimlich gründete der spanische Telekommunikationskonzern eine Tochterfirma mit Namen Telefónica Dynamic Insights, die genau diesen Datenverkauf organisieren sollte. Zwar war es laut Unternehmensleitung nur eine vage Absicht und alles noch ganz unverbindlich, ob diese Praxis auch in Deutschland angewendet würde. Dennoch bestätigte ein Geschäftspartner, das Marktforschungsinstitut GfK, dass ganz konkrete Pläne über einen Verkauf der Bewegungsdaten, zusammengefasst unter dem Begriff Smart Steps, auch in der Bundesrepublik existierten. Diese Umstände blieben jedoch nicht unbemerkt, wurden von Marc Dugge zusammengetragen und dem Publikum des HR und der ARD zugänglich gemacht. Schnell äußerten sich immer mehr Datenschützer zu Wort und beanstandeten dass Smart Steps nicht mit deutschem Recht vereinbar sei. Auch andere Sender, Zeitungen und Medienhäuser griffen die Thematik auf und bezogen sich aufs Dugges Recherche. Der Druck auf O2 wuchs und Anfang des Monats gab sich Konzernmutter Telefónica geschlagen. Schließlich gab man eindeutig zu verstehen, dass Smart Steps, wenn auch nie konkret ausgesprochen, dennoch kein Thema mehr im Deutschlandgeschäft von O2 seien.
Dies ist nicht nur ein Erfolg für den Qualitätsjournalismus, sondern zeigt auch wie notwendig der Journalismus insgesamt für unsere Gesellschaft ist. Medien sind mehr als zahnlose Papiertiger. Besonders Leitmedien wie die ARD und ihre Sendeanstalten sind immer noch ganz vorne mit dabei, wenn es darum geht als Multiplikator zu wirken oder sich für die Interessen des gesamten Volkes einzusetzen. Die Vierte Gewalt bleibt so tatsächlich ein unverzichtbarer Bestandteil unserer Gesellschaft.

In der Region Rhein-Main hat indes die Zeitungskrise weitere Opfer gefordert. Nach Meldungen des Branchendienstes Kress.de verlässt Jörg Riebartsch, seit 2005 Chefredakteur der Lokalzeitung Darmstädter Echo, seinen Posten mit sofortiger Wirkung. Hintergrund ist der andauernde Umbau im „Medienhaus Südhessen“, der Verlegergesellschaft. Riebartsch soll sich gegen den Ausstieg aus Tarifverträgen und den weiteren Abbau von Redakeursstellen gewehrt haben. Seinen Posten übernimmt vorerst der stellvertretende Chefredakteur Michael Horn. Riebartsch war seit 1990 für das Darmstädter Echo tätig, sein Nachfolger seit 1991. Welche Auswirkungen dieser Wechsel auf die Position des Darmstädter Echos im Streit um den Tarifvertrag haben wird, bleibt offen.

Autoren: Thorsten Schwetje und Adrian Wagner