Der „Unbekannte“, der „Attentäter“ und der „Teenager-Killer“

Was sich zunächst wie ein krudes Wortspiel ohne jeglichen Zusammenhang liest, wird bei der Bild-Zeitung trotz gleichbleibender Faktenlage und einer nicht gerade unwichtigen Wahl im Land der unbegrenzten Möglichkeiten schnell mal zu einem Dauerthema der Woche. Alles selbstverständlich basierend auf dem alten Handwerkerspruch „Was nicht passt, wird passend gemacht.“ Film ab!

von Jonas Rütten und Daniel Camino

Die Wochenschau vom 3. November nahm die Studenten und Dozenten des Masters Medienentwicklung mit auf eine Reise durch die boulevardesken und postfaktischen Tiefen der tagesaktuellen Berichterstattung. Anhand eines praktischen und plakativen Beispiels sezierten wir die Berichterstattungsmuster verschiedener Redaktionen. Dabei musste sich insbesondere das Online-Angebot der Bild-Zeitung Kritik aus dem Plenum gefallen lassen. Denn deren Redakteure hatten es binnen einer Woche geschafft, aus einem „Unbekannten“ einen „islamistischen Attentäter“ und dann einen „Teenager-Killer“ zu machen.

Die Ausgangslage

Am 16. Oktober wurde ein Jugendlicher gemeinsam mit seiner 15 Jahre alten Freundin am Hamburger Alsterufer von einem Unbekannten mit einem Messer attackiert. Der 16-Jährige erlag seinen schweren Stichverletzungen. Seine Freundin überlebte unverletzt.

Ein Clickbait-Profi würde nun einleitend teasern: „Aber was dann geschah, werdet ihr nicht glauben!!!“ Die Frage nach dem Was lässt sich relativ unaufgeregt beantworten: Knapp zwei Wochen nach der Tat, veröffentlichte die IS-nahe Nachrichtenagentur „Amaq“ eine fehlerhafte und daher durchaus zweifelhafte Stellungnahme, in dem sich die Terrororganisation zu dem Mordfall in Hamburg bekennt:

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In dem Bekennerschreiben ist von zwei Todesopfern die Rede, obwohl lediglich der 16-Jährige durch den Angriff umkam. Auch der späte Zeitpunkt des Bekennerschreibens ist auffallend.

Um die Bild-Zeitung ist es da allerdings schon geschehen: Es wird von „Terror-Alarm in Hamburg“ geschrieben und mit aller Macht suggeriert, dass der Mordfall mit hoher Wahrscheinlichkeit eine „Terrorattacke“ gewesen ist:

„Amaq“, meldet sich üblicherweise erst dann zu Wort, wenn der Terrorist gestorben ist. In diesem Fall könnte es aber auch sein, dass sich der Angreifer von ISIS abgewendet hat, untergetaucht ist und ISIS den Druck auf ihn zu einer weiteren Attacke erhöhen will – oder er sich mittlerweile der Fahndung soweit entziehen konnte, dass er sich in Sicherheit wähnt.“  (Bild vom 29.10.)

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In den darauffolgenden Tagen wird der „Unbekannte“ zum „Attentäter“ und der „Teenager-Mord“ zum „ISIS-Mord“ umgetauft. Berechtigte Zweifel an der Bekennerbotschaft werden nur beachtet, um sie mit Erklärungsversuchen, beispielsweise für die Fehler im Bekennerschreiben oder den späten Zeitpunkt, zu beseitigen. Was nicht ganz passt, wird eben passend gemacht.

Außerdem wird der Mordfall in Hamburg ohne neue Erkenntnisse zum Täter in eine Reihe mit den erwiesenermaßen islamistisch geprägten Angriffen von Würzburg und Hannover gestellt. Allein die Tatsache, dass alle drei Angriffe mit Stichwaffen ausgeführt wurden, reicht aus, um eine wasserdichte terroristische Verbindung zwischen den drei Taten herzustellen.

„Nur der Beginn einer Serie“

Des Weiteren beantwortet die Bild-Zeitung selbstverständlich „die wichtigsten Fragen zu der Terror-Attacke.“ Ein Artikel, der unter dem Strich lediglich eine neu aufbereitete Ansammlung von den bereits publizierten Vermutungen und Spekulationen ist, und der den Leser allem Anschein nach eigentlich nur zu einem Schluss kommen lassen soll: das Attentat ist Fakt, der Täter ist vom IS beauftragt, die Gefahr ist überall, Verhinderungsmöglichkeiten sind nicht vorhanden, der Anschlag von Hamburg könnte „NUR DER BEGINN EINER SERIE“ sein.

Dem ganzen postfaktischen Wirrwarr die Krone aufsetzend, wird der Haus-und-Hof-Terrorexperte der Bild-Zeitung, Davis Lewin von der Henry Jackson Society, in einem Interview zu Rate gezogen.

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Die Kernaussagen des Interviews (vom 30.10.) sind kurz und ebenso wenig Beweis für einen Terroranschlag wie die vorhergegangene Berichterstattung:

  1. „Wenn Amaq etwas vermelde, stimme das auch.“
  2. „Das Angriffsprofil passt zur neuen Strategie von ISIS.“

Wer oder was ist die Henry Jackson Society?

Lewin wird immer dann von der Bild-Zeitung um eine Stellungnahme gebeten, sobald es sich auch nur annähernd um die Thematik der Terrororganisation IS handeln könnte. Auch in britischen TV-Shows der BBC und Sky News war Lewin schon zu Gast. Allerdings genießt die Henry Jackson Society, für die Lewin arbeitet, einen eher zweifelhaften Ruf als neokonservativer „Thinktank“ mit einer zunehmend anti-islamischen Orientierung. Man könnte also fast auf den Gedanken kommen, dass dieser Experte speziell bei Expertisen zum Thema islamistischer Terror etwas voreingenommen an die „Faktenlage“ herantritt. Die Bild-Zeitung scheint das wenig zu stören, immerhin bestätigt Lewin in aller Regelmäßigkeit die allgegenwärtige IS-Bedrohung. Und diese bringt natürlich Schlagzeile, Klicks, Cash.

Drei Tage später veröffentlichte die Hamburger Polizei ein Phantombild des mutmaßlichen Täters. Zwar wird nochmal wiederholt, dass sich die Terrororganisation zu dem Mord bekannt hatte, allerdings ist aus dem „Attentäter“ nun der „Teenager-Killer“ und aus der „Terrorattacke“ oder dem „ISIS-Mord“ der „Alster-Mord“ geworden.

 

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Und die anderen?

Vergleicht man nun das Vorgehen der Bild-Zeitung mit dem anderer Online-Redaktionen wie beispielsweise FAZ.net, ZeitOnline oder tagesschau.de, könnten die Unterschiede kaum größer sein. Nach der Veröffentlichung des Bekennerschreibens, übernahmen FAZ und Zeit lediglich die dpa-Meldungen, ohne gleich selbst zu spekulieren oder zu dramatisieren. Tagesschau.de titelte am 30. Oktober unter Berufung seines eigenen Terrorismusexperten Michael Stempfle mit „Zweifel an IS-Bekenntnis.“ Auch ZeitOnline orientierte sich an Aussagen deutscher Ermittler, die einen IS-Hintergrund für fraglich hielten, die Meldung aber dennoch ernst nähmen. FAZ.net veröffentlichte am 1. November einen Artikel mit der Gliederung, was zu dem Fall bekannt ist, und was nicht und schaffte somit eine klare Faktenlage.