Wo sind die Frauen?

Gut 50 Prozent aller Absolventen deutscher Hochschulen sind Frauen. Sie starten als Volontärinnen zusammen mit ihren männlichen Kollegen in den Job, leisten gute Arbeit. Und irgendwo auf dem Weg zu den Führungspositionen gehen sie verloren. Woran liegt das?

von Marina Speer und Isabell Hoppe

Bei der Frankfurter Allgemeine Zeitung gab es im Jahr 2013 zwei weibliche verantwortliche Redakteure. Keine einzige Herausgeberin und auch keine stellvertretende verantwortliche Redakteurin. Das ergibt einen Frauenanteil von 8,7 Prozent in den obersten leitenden Funktionen bei der FAZ. Ermittelt wurden die Zahlen von ProQuote mit Hilfe der Angaben im Impressum und Auskünften der Verlage.

Bei dem Thema Frauenquote in Führungspositionen gibt die FAZ kein gutes Bild ab. Das kann auch Inge Kloepfer bestätigen, die 16 Jahre lang für FAZ und FAS im Wirtschaftsbereich gearbeitet hat: “Dort sind die Strukturen veraltet männlich. Denken Sie an die vier Herausgeber. Bei der jüngsten Besetzung stand eine Frau zur Debatte. Wieder hat man sich für einen Mann entschieden.“

Dass es auch anders geht, zeigt die taz: Mit 44,4 Prozent ist sie absoluter Spitzenreiter bei der Erhebung von ProQuote und kratzt bereits an der 50-Prozentmarke. Im zeitlichen Verlauf hat sich bereits viel getan, findet Studiengangsleiter Professor Dr. Lorenz-Meyer: „1997/98 gab es beim Spiegel nicht eine Ressortleiterin, das hat sich deutlich geändert.“ Und auch die Studentinnen im Studiengang sehen vor allem im Bereich Fernsehen eine positive Entwicklung. „Frauen sind vor der Kamera inzwischen angesehen und auch gewünscht“, findet Fabienne.

Quelle: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/308761/umfrage/frauenquote-in-fuehrungspositionen-bei-leitmedien/
Quelle: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/308761/umfrage/frauenquote-in-fuehrungspositionen-bei-leitmedien/

Und tatsächlich: Die Anzahl der Frauen in Führungspositionen nimmt zu. Doch wie diese Grafik zeigt, ist im letzten Jahr in vielen Print-Redaktionen eine gewisse Stagnation zu erkennen – und das noch deutlich unter der 50-Prozentmarke. Trotz aller Bemühungen der ProQuote-Bewegung, Diskussionen und engagierten Journalistinnen – woran liegt das denn nun?

„Frauen nehmen sich zu schnell aus Konfrontationen heraus“, nennt Inge Kloepfer als einen möglichen Grund für die fehlenden Frauen in Führungspositionen. Und auch die Diskussion in der Gruppe zeigt: Ein Teil der Studentinnen attestiert Frauen ein ausbaufähiges Selbstbewusstsein. Inge Kloepfer selbst hat diese Erfahrung gemacht: „Ich bin sogar gefragt worden [Anm.: eine leitende Position in einer anderen Redaktion zu übernehmen], habe dann allerdings nicht beherzt genug reagiert und bin nicht gesprungen.” Ist das Problem also damit gelöst, dass Frauen lauter und selbstbewusster werden?

„Frauen, die sich wie Männer verhalten, das kann auch nicht das Ziel sein“, winkt eine Studentin ab. Und ein männlicher Kollege fügt hinzu: „Es sollte eine Gesprächskultur geben, in der sich alle trauen etwas zu sagen. Ohne, dass man erst Regeln etablieren muss, wie z.B. die Frau aufzufordern, etwas zu sagen.“ Auf der anderen Seite könne Frauen manchmal ein Tritt in den Hintern und ein Anstoß zu mehr Selbstbewusstsein auch ganz gut tun.

Im Redaktionsalltag ist diese Handlungsempfehlung wiederum schwer umzusetzen. In Konferenzen herrscht oft ein rauer Umgangston, bei dem es nicht allein die Lösung sein kann, lauter als der andere zu sein. Außerdem werden viele freie Positionen „unter der Hand“ vergeben, bei deren Vergabe es vor allem auf ein gutes Netzwerk ankommt. Diese Netzwerkstrukturen im Journalismus sind noch ziemlich männlich – Frauen tun sich in diesem Umfeld schwer. In Kombination mit der Tendenz, dass Männer ihre Führungsposition lieber an andere Männer weitergeben möchten, führt das dazu, dass der Anteil von Frauen in Führungspositionen nur sehr langsam zunimmt.

Viele Frauen, vor allem Mütter, entschieden sich aus diesen Gründen für die Selbstständigkeit. Dort können sie eigenständig arbeiten, können Konflikten und Machtgerangel entgehen und sich ausschließlich auf ihren Job konzentrieren. Außerdem ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie hier besser möglich. Auch Inge Kloepfer ist Mutter von drei Kindern und seit 2008 als freie Autorin unterwegs. Sie meint: “Familie und Beruf lassen sich schon vereinbaren. Allerdings macht man dann als Journalistin bzw. Redakteurin meistens Abstriche.” Denn ein Journalist/eine Journalistin als Festangestellte in einer Redaktion hat oftmals nicht so geregelte Arbeitszeiten, als dass sie mit der Familie gut vereinbar wären. “Ich sage immer: Gegen die männliche Konkurrenz auf dem Feld tritt man als Mutter mehrerer Kinder mit Bleikugeln an den Füßen an.” Da ist für viele selbstständiges Arbeiten die einfachste Lösung.

Das gilt natürlich nicht nur für den Journalismus, sondern für viele andere Berufe genauso. Die Redaktionsstrukturen mögen eine besondere Organisationsform sein, die es Frauen erleichtern oder erschweren kann , aufzusteigen. Alles andere kann aber auch auf andere Berufsgruppen übertragen werden.

Trotzdem muss der Journalismus in der Gender-Debatte explizit erwähnt werden. Denn es geht nicht nur darum, über Frauen in ihrer Rolle als Journalistinnen zu diskutieren, sondern auch darum, in welchen Zusammenhängen sie in den Medien dargestellt werden. Studien zeigen, dass Frauen in den Medien nicht nur unterrepräsentiert sind, sondern oftmals auch in „weiblicheren Kontexten“ dargestellt werden: seltener in Machtpositionen und mehr im gesellschaftlichen Umfeld und in der Familie.

Wenn man bedenkt, dass circa 50 Prozent der Zielgruppe der Medien weiblich sind, gibt es in diesem Zusammenhang womöglich auch ökonomische Gründe für mehr Frauen in den leitenden Positionen. Denn diese bestimmen die Auswahl und Ausrichtung der Themen – wobei Männer und Frauen nachweislich anders entscheiden. Von  einer gesunden Mischung könnte also auch die Vielfalt der journalistischen Erzeugnisse profitieren.

 

Bild: Flickr Creative Commons Licence,© European Union 2015 – European Parliament, Quelle: https://flic.kr/p/rwbiZy

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