„Wir sind keine Medienprofis“ – Femen aus der Sicht einer Aktivistin

Femen ist eine Gruppe von weiblichen Aktivistinnen, die 2008 in der Ukraine gegründet wurde. Seit 2010 machen sie Schlagzeilen mit ihren Oben-Ohne-Protesten. Auch bei uns in Deutschland gibt es mittlerweile zwei Femen-Gruppen, in Hamburg und Berlin. Femen protestiert für Frauenrechte, gegen die Pornoindustrie, gegen den Magerwahn in der Modelbranche und gegen die konservative Haltung der katholischen Kirche.

Josephine Witt (20) ist eine der bekanntesten deutschen Femen-Aktivistinnen. Im April 2013 protestierten Femen-Frauen, darunter auch Witt, gegen die Regierung des russischen Präsidenten Wladimir Putin während der Hannover Messe. Auf ihren Oberkörpern stand „Fuck Putin“, „Fuck you Dictator“. Unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte nur wenig Begeisterung für diese Aktion.

 Josephine Witt
Femen-Aktivistin Josephine Witt

Etwa einen Monat später protestierte Josephine Witt mit zwei französischen Femen-Frauen für die Freilassung einer tunesischen Aktivistin. Dafür kam Witt selbst für vier Monate und einen Tag ins Gefängnis. Ihre Zeit im tunesischen Gefängnis bezeichnete Witt als menschenunwürdig, im Gefängnis herrschten katastrophale Bedingungen. Sie und ihre Mitstreiterinnen hatten keinen Kontakt zur Außenwelt, keinen regelmäßigen Hofgang und sie konnten nicht abschätzen, was passieren würde.

Am 25. Dezember 2013 sprang Josephine Witt mit entblößtem Oberkörper auf den Altar des Kölner Doms. Sie wollte damit ein Zeichen setzen für Frauenrechte, auch beim Thema Abtreibung. Der Protest hätte sich außerdem gegen die konservativen Ansichten von Kardinal Meisner gerichtet.

Nach all den Schlagzeilen, wollten wir von den Medienentwicklern nun einmal selbst mit Josephine Witt sprechen. Deshalb führten wir vergangenen Donnerstag ein Telefoninterview mit ihr.

Der Weg zu Femen

Alles begann damit, dass Josephine Witt sich mit einigen Femen-Aktivistinnen in Hamburg in einem Café traf. Es entwickelte sich ein interessantes Gespräch und sie beschloss, bei der Gruppe mitzumachen. Als sie das erste Mal topless auf der Straße stand, fühlte sie sich nackt, ein gewisses Scharmgefühl sei schon dabei gewesen. Gleichzeitig war Witt sehr überrascht über die viele Aufmerksamkeit. „Auf eine minimalistische Art haben wir andere schockiert.“

Zum Thema Feminismus damals und heute bezeichnete Witt Alice Schwarzer als „Alt-Feministin“. Der heutige Feminismus beschäftige sich nicht nur mit Abtreibung sondern auch mit anderen Themen. Die neue Bewegung sei radikaler im Gegensatz zu früher, so die 20-jährige im Interview.

Josephine Witt sprach auch von ihrer persönlichen und beruflichen Zukunft. Sie wisse nicht, wie sich die Femen-Aktionen in dieser Hinsicht auswirken würden. Noch dazu hat Femen nur wenig Geld für Anwälte, um sich gegen Anklagen zu wehren, meist bezahlen sie vieles aus ihrer eigenen Tasche.

Femen und die Medien

Eine klare Strategie von Femen ist es, an Orten zu protestieren, wo der Protest nicht gewünscht ist, dazu zählt auch die Aktion im Kölner Dom. Dort wurde Josephine Witt brutal vom Altar gezogen. Die Reaktionen auf die Femen-Aktivistinnen und ihre Proteste sind sehr unterschiedlich. „Es gibt Leute, die verfallen in eine Art Moralapostel, in Tunesien gab es Leute, die Femen anfeuerten, und andere, die die Aktion furchtbar fanden und uns vermöbeln wollten“, erzählte Witt.

Femen-Frauen schreiben ihre Botschaften auf ihre nackten Oberkörper, um sie zu verbreiten. Im Anschluss  reden sie über ihre Proteste, machen sich klar, was passiert ist, und analysieren verschiedene Medien über die jeweilige Berichterstattung. Jedoch gibt es keinen Medienberater, der sie unterstützt, alles wird selbst geplant und durchgeführt. „Wir sind keine Medienprofis“, kommentierte Witt.

Die Aktivistin hat durchaus Sorge, dass sich diese Aktionen irgendwann abnutzen könnten, allerdings könne sie nicht sagen, wie es weitergeht.

Femen ist immer auf der Suche nach neuen Mitgliedern. Aber: „Es ist schwierig, dass sich jemand für einen solchen Protest entscheidet.“ Von ursprünglich drei Personen wuchs die Zahl auf 300 Mitglieder, in Deutschland gibt es 30 Aktivisten, davon ist ein Kern von 15 Mitgliedern regelmäßig aktiv.

Wir sind der Meinung, dass Femen ein Medienphänomen ist. Es lässt sich jedoch nur schwer sagen, ob die Botschaften der Frauen wirklich in den Köpfen der Menschen verankert sind, oder ob der Oben-Ohne-Protest eher für die Aufmerksamkeit der Menschen sorgt, und die politische Aussage zweitranging ist. Unklar ist auch, ob Topless-Aktionen wirklich zum Feminismus zählen und zu einer echten Veränderung beitragen.

Im Anschluss an das Interview mit Josephine Witt stellten wir uns in unserem Kurs folgende Fragen: Wie kommt die Botschaft bei den Rezipienten an? Steckt da was Tieferes dahinter oder bleibt in der Erinnerung der Menschen nur der Schock? Wie verändern sich Protestformen in Zeiten der Digitalisierung der Medien? Es wäre interessant, diesen Fragestellungen im Rahmen von Forschungsprojekten nachzugehen.

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