Wie weit darf die Berichterstattung über Täter gehen?

In dieser Woche thematisieren wir etwas, über das wir bisher nie im Detail gesprochen haben. Dabei ist es im letzten Jahr und im Zuge der Flüchtlingskrise hochbrisant geworden: Die Berichterstattung über Täter.

            Von Lina Frank und Franziska Schuhmann

Bundesinnenminister Thomas De Maizière stellte am 24. April die Ergebnisse der Kriminalstatistik 2016 vor. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 6,37 Millionen Straftaten begangen. Die Zahlen der Wohnungseinbrüche, der Ladendiebstähle und der Betrugsdelikte gingen zurück – die der Gewaltdelikte aller Art allerdings nahmen zu. Am höchsten ist die Zahl der politisch motivierten Straftaten und der sogenannten Ausländerkriminalität gestiegen. Mit einer Zunahme von rund 60 Prozent ist sie auf dem höchsten Stand, den es jemals gab.

Im Fokus der Ergebnisse standen allerdings andere Zahlen. Die der Zuwanderer unter den Tatverdächtigen. Sie ist im letzten Jahr um fast 53 Prozent gestiegen. „Da gibt es nichts zu beschönigen“, sagte De Maizière bei der Präsentation der Ergebnisse. Der deutliche Anstieg der Gewaltdelikte sei vor allem auf einen Anstieg der durch Zuwanderer verübten Gewaltdelikte zurückzuführen. Die Täter stammen zum größten Teil aus Algerien, Marokko und Tunesien und sind vor allem junge Männer zwischen 18 und 21 Jahren, erklärte De Maizière. Das Kriminalitätsrisiko in dieser Altersgruppe ist auch unter Deutschen vier Mal so hoch, wie bei der Gesamtbevölkerung, zeigt die Kriminalstatistik.

Die Qualitätsmedien haben ganz unterschiedliche Aspekte der Kriminalstatistik in den Fokus gestellt. Das ist vollkommen nachvollziehbar, schließlich besteht die Kriminalstatistik des Bundeskriminalamts aus mehreren Tabellen zu Fällen, Tätern und Opfern und damit aus wahnsinnig vielen Zahlen und Informationen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat sich beispielsweise eines der positiven Ergebnisse vorgenommen und über den Rückgang der Einbruchszahlen berichtet, Zeit Online setzte den Anstieg der politisch motivierten Straftaten in den Mittelpunkt und Focus Online machte die „kriminellen Nordafrikaner“ zum Hauptthema. Da ist die Diskussion um die Nennung der Täterherkunft nicht weit.

Ross und Reiter nennen – Was bringt das?

Wie sollten Medien mit der Nennung der Täterherkunft umgehen? Wir beobachten immer öfter, wie schnell die Rufe nach Details über die Herkunft der Täter laut werden, sobald über eine Straftat berichtet wird. Nur so könne man als Leser die Lage genau einordnen und wenn Medien den Lesern diese Informationen enthalten, ist das Lügenpresse, heißt es. Doch müssen und sollten Medien immer alle Informationen offenlegen, auch wenn sie in Bezug auf die eigentliche Tat noch so unbedeutend sind?

Facebook-Kommentatoren sind bei diesem Thema besonders streng: „Die Nichtnennung der Herkunft der Täter in den Medien öffnet doch Spekulationen Tür und Tor. Da muss man jetzt auch nicht jammern, sorry. Das Problem ist hausgemacht“, schreibt ein Leser unter einem Post der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zur Kriminalstatistik. Jedes Detail nennen – ist das also die Lösung? Schreiben die Leute dann weniger häufig „Lügenpresse“? Wohl kaum. Trägt es zur dringend nötigen Vertrauensbildung bei? Wahrscheinlich nicht. Und trotzdem gibt es auch unter Journalisten Vertreter, die immer öfter fordern, offen über die Täterherkunft zu sprechen. Der Journalist Eckart Lohse beispielsweise fordert in seinem Kommentar in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Ross und Reiter zu benennen und endlich damit aufzuhören, Menschen als „Nazis“ zu bezeichnen, die den Anstieg der Kriminalität durch Zuwanderer schon viel früher vorhergesagt haben.

Das Problem dabei ist doch aber viel mehr, dass es den Leuten nicht darum geht zu lesen, dass der Täter aus Oberbayern oder einer Kleinstadt im Saarland stammt. Sondern, dass sie lesen wollen, dass der Täter ein Flüchtling ist, um sich dann öffentlich über „die kriminellen Flüchtlinge“ auszulassen. Ein aktuelles Beispiel ist dabei die Amokfahrt in Heidelberg vor einigen Monaten, über die in der Gruppe der Studierenden diskutiert wurde. Der Täter war kein Ausländer und erst recht kein Flüchtling. Und obwohl die Polizei bestätigte, dass der Mann aus Deutschland kommt, haben viele spekuliert, dass es sich um einen Syrer handle und die Polizei dies verheimlichen wolle.

Die Richtlinie 12.1

Medien stehen bei der Entscheidung darüber, wie sie über Täter berichten sollen, natürlich nicht ganz allein da. Der Pressekodex hat erst im März eine neue Richtlinie eingeführt, die sich mit genau diesem Streitpunkt befasst. Darin heißt es: „Die Zugehörigkeit soll in der Regel nicht erwähnt werden, es sei denn, es besteht ein begründetes öffentliches Interesse.“ Bei dem Versuch dieses „begründete öffentliche Interesse“ zu definieren, sind wir gescheitert. Denn auch die Studierenden sind sich einig: Wenn man eine Tat aus Lesersicht sieht, ist bei jeder kleinsten Straftat das Interesse groß, welche Herkunft der Täter hat.

Obwohl der Pressekodex eher wage bleibt, orientieren sich viele Medien an diesem Leitsatz. Doch was, wenn sich einzelne Redaktionen nicht mehr an den Pressekodex halten? Das jüngste Beispiel ist die Sächsische Zeitung. Sie hat sich dazu entschlossen, die Herkunft der Täter immer zu nennen und somit die neu eingeführte Richtlinie des Pressekodex zu ignorieren. Gründe dafür seien der enorme Vertrauensverlust, den Leser bei der Nichtnennung der Täterherkunft kritisieren, sowie die Lügenpresse-Vorwürfe mit denen die Zeitungen vor allem in Sachsen rund um die Pegida-Demonstrationen zu kämpfen haben.

Chefredakteur Uwe Vetterick verteidigte die Entscheidung seiner Redaktion mit dem Statement: „Gegenwärtig wird Raum für Gerüchte geschaffen, die denjenigen schaden, die wir eigentlich schützen wollen. Wir helfen Flüchtlingen am Ende besser, wenn wir die Nationalität von Straftätern, soweit sie uns bekannt ist, nennen. Das ist kein Einknicken vor der Straße und auch kein Angriff auf den Presserat.“

Welche Vorgehensweise nun richtig oder falsch ist, ist schwer zu sagen. Auch wir kamen zu dem Ergebnis, dass zwar jede Journalistenschule nach dem Pressekodex lehrt, das Verschweigen der Täterherkunft allerdings nur weiterer Dünger für den Boden der Rechtspopulisten ist. Wird der Täter genannt, schürt man als Redaktion Vorurteile, nennt man sie nicht, wird der Zeitung vorgeworfen, etwas zu verschweigen.

Wie Medien im Privatleben von Sergej W. wühlten

Es geht in unserer Diskussion über die Berichterstattung über Täter nicht nur um die Nennung der Herkunft. Es geht auch um die Art und Weise, wie über das Privatleben eines Täters oder Tatverdächtigen berichtet wird. Im Fall des mutmaßlichen BVB-Täters Sergej W. ist die mediale Spurensuche in ein regelrechtes Wühlen in der Privatsphäre ausgeartet.

Die Tat war lange geplant und gut durchdacht. Das Motiv war Habgier, die Motivation Geld und wohl auch ein wenig Verzweiflung, heißt es in verschiedenen Medien. Sergej W. verübte am 11. April 2017 einen Anschlag auf den Mannschaftsbus der Borussia Dortmund und verletzte dabei zwei Personen. Doch der Anschlag verlief nicht ganz nach seinem Plan. Sergej W. hatte viel Größeres vor: Tote oder verletzte Spieler, eine sinkende BVB-Aktie und einen großen Betrag Geld für sich. Das alles wollte er mit sogenannten Optionsscheinen erreichen, die er im Wert von 40.000 Euro auf eine sinkende BVB-Aktie setzte. Um von sich abzulenken, platzierte der mutmaßliche Täter drei islamistische Bekennerschreiben in der Nähe des Anschlagsortes und versuchte, das Attentat den in Europa verübten Anschlägen des IS zuzuschieben. Trotz allem wurde der Verdacht immer mehr auf ihn gelenkt und Sergej W. schließlich festgenommen. Wie die Zeitungen ihn und seine Vergangenheit jetzt präsentieren ist jedoch kaum vorzustellen. Der Name, Fotos, die Herkunft und vor allem das Privatleben des mutmaßlichen Täters werden nicht nur genannt, sondern auch regelrecht ausgeschlachtet.

Spiegel Online eröffnet einen Beitrag über Sergej W. mit einer szenischen Beschreibung des zurecht geschockten Großvaters des Tatverdächtigen, den die Redakteure an seiner Haustür zur Rede stellen – und zum Weinen bringen. Auch die Bildzeitung hat sich ein Familienmitglied gesucht und befragt, nämlich die Cousine von Sergej W. Auch ein unverpixeltes Bild haben sie von ihm ins Netz gestellt. Und weil das nicht reicht, haben die Medien ihre Redakteure in den Herkunftsort von Sergej W. geschickt: Freudenstadt, 23.690 Einwohner, man kann sagen ein Dorf, in dem jeder jeden kennt. Kein Wunder also, dass Lehrer, Kioskverkäufer und Diskothekenbesitzer in den Medien über den jungen Deutsch-Russen plaudern und nicht über die Konsequenzen nachdenken. Zitate wie „Der hat immer brav in der Schlange gestanden und sich regelmäßig sein Weckle mit Fleischkäs abgeholt“ oder eine genaue Beschreibung des Elternhauses in Freudenstadt fanden wir zuhauf in den deutschen Qualitätsmedien.
An unseren Beispielen haben wir gesehen, dass deutsche Medien offenbar noch in einer Art Findungsphase sind. Das Eine ist den Lesern zu wenig, das Andere geht eindeutig zu weit. Wie weit darf und soll Berichterstattung über Täter und Tatverdächtige gehen?

Wir Medienentwickler finden, dass die Berichterstattung im Fall Sergej. W. viel zu weit ging. Der weinende Großvater, die Cousine, die aus dem Nähkästchen plaudert, der Kioskbesitzer, der über das Sozialverhalten von Sergej W. schwafelt. Das alles sind Situationsbeschreibungen und keine Informationen, die mit öffentlichem Interesse gerechtfertigt werden können. In der Privatsphäre eines mutmaßlichen Täters zu schnüffeln und seine Facebookfreunde zu durchsuchen, hat rein gar nichts mit medialer Spurensuche zu tun. Den Namen des Täters zu nennen ist in diesem Fall sicher in Ordnung. Doch von der boulevardesken Ausschlachtung des Privatlebens sollten Qualitätsmedien Abstand nehmen.