Was haben Zahlen eigentlich mit Journalismus zu tun?

Erst vor einigen Tagen hat die Süddeutsche Zeitung ein großes datenjournalistisches Projekt veröffentlicht: Der Facebook Faktor. Dafür hat die Redaktion mehr als eine Millionen Likes von 5.000 Facebooknutzern (circa drei Gigabyte) ausgewertet, um zu ermitteln, wie das soziale Netzwerk die diesjährigen Wahlen in Deutschland beeinflussen könnte. Die Datenmenge, mit der die SZ hier gearbeitet hat, ist kein Vergleich zu ihrem letzten großen Coup: Den  Panama Papers. Circa 2,6 Terabyte Mails, Dokumente, Datenbankeinträge, und Fotos hatte das Investigativteam um Bastian Obermayer und Frederik Obermaier von einem anonymen Whistleblower zugespielt bekommen.

                                                                     Von Fabienne Schleunung und Marina Speer

Und auch andere Medien wie beispielsweise Zeit Online, Spiegel Online oder die Berliner Morgenpost veröffentlichen regelmäßig datenjournalistische Projekte und Recherchen. Datenjournalismus an sich ist kein neues Phänomen. Der richtige Durchbruch kam laut Lorenz Matzat, Inhaber des Blogs datenjournalist.de und Mitgründer der Datenjournalismus-Agentur OpenDataCity, erst in 2010 mit der Veröffentlichung der Kriegstagebücher aus Afghanistan, die von The Guardian und The New York Times datenjournalistisch aufbereitet wurden.

Doch was genau unter Datenjournalismus fällt, darin sind sich die Experten nicht einig. Die einen halten es für verpflichtend, auch die Rohdaten zu veröffentlichen, andere halten Interaktivität für ein wichtiges Merkmal von Datenjournalismus und manchen reicht es aus, wenn Daten den Kern der Geschichte bilden. Lorenz Lorenz-Meyer veröffentlichte auf seinem Blog seine Definition von Datenjournalismus und unterscheidet dabei zwischen essentiellen Kriterien und lediglich charakteristischen.

Laut Lorenz-Meyer ist es für den Datenjournalismus essentiell, signifikante Strukturen herauszuarbeiten, die eine Geschichte erzählen oder eine Hypothese stützen. Dies erfolgt mit Hilfe von beispielsweise Datamining oder anderen Techniken aus großen Datenbeständen.

Die (interaktive) Visualisierung der Daten ist für Lorenz-Meyer – obwohl es oft so gemacht wird – nicht zwingend notwendig. Auch wenn die Daten nur in Textform aufbereitet werden, sei das trotzdem Datenjournalismus, vorausgesetzt die oben genannten Kriterien sind gegeben. Die Bereitstellung des Rohmaterials sieht er ebenfalls als möglich, aber nicht zwingend notwendig an.

Als junge Journalismus Studierende interessiert uns natürlich brennend die Frage, ob Datenjournalismus nur ein kurzfristiger Trend oder gar langfristig eine neue Form für Medien bietet. Lorenz Matzat, der schon in zahlreichen datenjournalistischen Projekten mitgearbeitet hat, schreibt in seinem Zeit-Blog Artikel Datenjournalismus ist eine große Chance”. Man habe hier die Möglichkeit verschiedene Zusammenhänge, wie Politik, Rohstoffverbrauch, Konsumverhalten, etc. per interaktiven Anwendungen auf den Punkt zu bringen. Storytellings mit Visualisierungen zu verknüpfen, eröffnen zudem den Lesern neue Wege der Berichterstattung. Das Interesse wird geweckt und die Neugierde, einfach mal selbst auf Entdeckungstour zu gehen, wächst. Es gebe auch bereits zahlreiche interaktive datenjournalistische Projekte, die hier den Weg vorzeichnen. Dennoch weist er noch einmal ausdrücklich darauf hin, dass der Onlinejournalismus noch lange nicht sein gesamtes Potential ausgeschöpft hat. Denn Datenjournalismus sei daher passend, weil er präzise, schnell, umfangreich, interaktiv und multimedial ist.

Der Manager für Innovationsprojekte der Deutschen Welle, Mirko Lorenz, hat selbst ein datenjournalistisches Tool entwickelt: Datawrapper. Er ist der Meinung, dass langweilige Daten oft der Schlüssel zu einer spannenden Geschichte” sind. Journalisten müssen jedoch zuerst, so Lorenz, einen Blick für Daten entwickeln. Sascha Venohr, Entwicklungsredakteur von Zeit Online meint hierzu: Es gehört aber auch der Mut in den Redaktionen dazu, diese Geschichten nicht wie bisher auf sechs Seiten Text, sondern mit den neuen Darstellungsformen zu erzählen.”

Nach all den Meinungen, Beispielen und Herausforderungen vor denen Journalisten in der heutigen Zeit stehen, kann man davon ausgehen, dass Datenjournalismus nicht nur bloß ein Trend ist, sondern sich voraussichtlich in den nächsten Jahren als eigenes Online-Angebot etablieren wird. Für junge Journalisten also eine gute Möglichkeit, sich datenjournalistische Fähigkeiten anzueignen und so die beruflichen Chancen zu verbessern.

Als coole und einfache Tools um Daten visuell aufzubereiten empfehlen wir: Datawrapper, Google Fusion Tables oder Tableau Public.

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