Unzensierte Privatfotos und falsche Vermisstenmeldungen: Der Anschlag von Manchester und sein Medienecho

Breaking News: Bei einem Anschlag auf einem Popkonzert in Manchester kamen 22 Menschen ums Leben. So lautete die Schlagzeile auf allen Nachrichtenseiten. Abseits der eigentlichen Nachrichtenmeldung tat sich aber auch einiges…

Von Mirijam Friedrich und Lisa-Marie Vogler

Bei einem Attentat in Manchester am 22. Mai kamen 22 Menschen ums Leben. Kurz danach tauchten Bilder der Todesopfer auf, die die Redakteure der Bild-Zeitung natürlich unzensiert in ihren Beiträgen verwendeten. Die Fotos hatten sie aus den sozialen Netzwerken der Opfer.

Screenshot: Bild.de

Dies stieß auf große Kritik der Leserschaft, die sich daraufhin mit Leserbriefen an die BILD-Redaktion wandten. Beschwerdemanager Ernst Elitz  äußerte sich wenige Tage später dazu:

BILD entschied auch, Fotos aus den glücklichen Tagen der ermordeten Kinder zu zeigen, damit sie uns mit ihrem Lächeln, ihrer Hoffnung, ihrer Schönheit in Erinnerung bleiben. Als ein Zeugnis der Liebe, das uns von den Terroristen unterscheidet.”

Sie publizierten einen Text über die 18-jährige Georgina mit dem Titel: „Ausgelöscht!“. Dieser Beitrag besteht fast ausschließlich aus Postings des Mädchens auf Facebook und Twitter. Um ihn lesen zu können, braucht man ein Bild plus-Abo. Da stellt sich berechtigt die Frage, ob diese Beiträge tatsächlich ein Zeugnis der Liebe sind oder reine Geldmacherrei.

Falsche Vermisstenmeldung

Kurz nach dem Anschlag wird auf dem Bild-Onlineangebot ein Beitrag veröffentlicht, der eine Collage von Jugendlichen zeigt, die angeblich vermisst werden. Die Quelle hierfür ist der Post einer Privatperson. Dass diese Quelle nicht seriös ist, zeigt sich schnell: Mindestens zwei Personen auf der Collage werden nicht vermisst und waren nicht einmal am Ort des Geschehens, geschweige denn in Großbritannien. Dieser Artikel wurde inzwischen korrigiert.

Dubiose Facebook-Trauerseiten

Auch auf Facebook war einiges los: Kurz nach Bekanntwerden der Todesopfer, entstanden dubiose Facebook-Trauerseiten, wie aus dem Nichts. Ohne Impressum oder Angaben zum Ersteller. Mimikama, ein Verein zur Aufklärung über Internetmissbrauch vermutet, dass es sich dabei um ein Geschäftsmodell handeln könnte.

Laut Mimikama werden diese Gedenkseiten erstellt, um eine Facebook-Seite mit Likes zu züchten. Zunächst werden Kondolenzbeiträge veröffentlicht, um die Gefällt mir-Angaben weiter zu steigern. Anschließend werden die Beiträge entfernt, die Seite umbenannt und die Seite mit den bereits vorhandenen Likes einfach im Internet weiterverkauft.

Breaking News? Warum keine Sondersendung?

Das Schweizer Fernsehen brachte keine Sondersendung zum Terroranschlag in Manchester. Einige sprechen von medialer Fehlleistung?

Chefredaktor Tristan Brenn bezieht Stellung:

„Der Terror braucht den medialen Ausnahmezustand, um seine volle Wirkung zu entfalten. Erst dieser sorgt dafür, dass sich Angst und Schrecken weit über den Anschlagsort hinaus verbreiten und in den Köpfen von uns allen einnisten. Darum: keine zusätzliche Sendung, kein noch grelleres Scheinwerferlicht auf den Ort des Schreckens. Es wird grell genug sein in unseren regulären Sendungen. Denn natürlich haben wir eine Informationspflicht.“

Die Meinungen hierzu gehen nach wie vor sehr weit auseinander. In den Kommentaren liest man einerseits: „Um einem möglichen Propaganda- und Rekrutierungseffekt für die Terroristen durch die Medien entgegenzuwirken, würde es vollkommen reichen nicht mehr deren Fotos und richtigen Namen zu nennen, aber sicher nicht, weniger ausführlich über die Anschläge zu berichten.” und andererseits „Terrorismus funktioniert fast ausschließlich nur dank der modernen Massenmedien. Nehmt diesen kranken Hirnen die Plattform weg!”

Fest steht jedenfalls, dass hier ein Diskussionsbedarf auch in den Medienredaktionen herrscht, die sich ihrer Aufgabe bewusst sein sollten. Zwischen Informationspflicht und der Angst, den Terror weiter zu befeuern – ein Spagat, der sicher nicht einfach ist.