Slow it down

… sang die Singer-Songwriterin Amy Macdonald schon vor einigen Jahren. Slow Food und Slow Travel sind dem ein oder anderen schon mal über den Weg gelaufen. Doch was genau sind Slow Media?

Foto: Hechler
Um uns dem Thema zu nähern, fahren wir mit der Bahn durch eine schneebedeckte Landschaft. Rechts und links ein paar vereiste Wasserflächen, einige Hügel. Wir fahren immer weiter. Da kommt mal ein Tunnel, die Strommasten stehen mal links mal rechts – um uns ist nichts, wir fahren durch eine Einöde. Dies ist jedoch kein Reisebericht von einer Exkursion nach Norwegen. Nein, es ist ein mehr als neunminütiges Video einer Kamera, die vorne am Zug befestigt ist, abrufbar auf Youtube. Die Fahrt des Zuges wird ohne Schnitt in Echtzeit gezeigt. Die neun Minuten sind zwar nur ein Ausschnitt eines Formates, das eigentlich sieben Stunden und vierzehn Sekunden geht, doch wir brechen nach nur etwa drei Minuten Video ab. Für uns passiert einfach zu viel nichts.

Hjertelig velkommen im norwegischen Slow TV Format „minutt for minutt“. Was für uns am Dienstagvormittag im Kurs Themenentwicklung befremdlich erscheint, ist in Norwegen ein erfolgreiches TV Format. Wir rätseln: In welcher Situation würden wir uns vor den Fernseher setzen und eine unspektakuläre Bahnfahrt in Echtzeit verfolgen? Nach der Arbeit zum Runterkommen? Würden wir es nicht doch eher als verschwendete Zeit erfahren, da wir durch das Format kein gewöhnliches Informationsinteresse befriedigt sehen?
Im Ted Talk (sehr sehenswert!) verrät Thomas Hellum, einer der Macher des norwegischen Slow TV Formats, Erfolgsfaktoren für Dokumentationen in Echtzeit ohne große Geschehnisse, ohne Dramaturgie und ohne Story. Eine Live-Übertragung eines Schiffes der Hurtigruten – mehr als fünf Tage lang Live-Sendung mehrerer Kameras in Echtzeit – war unter anderem deshalb so erfolgreich, da Menschen entlang der Strecke teilhaben konnten. Sie positionierten sich an der Strecke und winkten fröhlich in die Kameras. Sie grüßten so in Echtzeit ihre Lieben vor dem Fernseher, die per Telefon durchgaben, wann die Kamera die Menschen entlang der Route zeigte. Partizipation, aber auch die einhergehende Resonanz in den sozialen Medien waren hier der Schlüssel, dieses Format erfolgreich zu machen. Weiter, erklärt Hellum, ist es wichtig, keine Geschichte zu erzählen bzw. so vorzugeben. Durch das lange Zeigen von Aufnahmen ohne weitere Zugabe von Informationen werden die Zuschauer angeregt, ihre eigenen Geschichten im Kopf zu den Bildern entstehen zu lassen. Slow TV – ein interessanter Ansatz innerhalb der Slow Media, den es zugegeben auch bei uns schon hier und da mal ähnlich gab. Im Kurs sind wir uns uneinig, ob solche Formate auch bei uns richtig erfolgreich sein können. Am Ende, so sind wir uns großteils einig, hängt es auch immer von kulturellen Gegebenheiten an, wie sehr man sich auf Formate wie diese einlassen und diese nutzen kann.

Vom Slow TV geht es für uns weiter zu allgemein Slow Media. Anhand der Lektüre verschiedener Zeitschriften und Bücher nähern wir uns weiter dem Begriff Slow Media. Wir verstehen, dass es sowohl Produkte gibt, die sich rein dem Thema „Slow“ verschrieben haben (z. B. Zeitschriften wie die „Slow“ oder die „Flow“) und solche, die teilweise „Slow“ in sich tragen (z. B. Geo/die Zeit o. ä. bringen Themen wie Achtsamkeit). Auf jeden Fall merken wir, dass Zeitschriften und Bücher zum Thema für uns zugänglicher sind als Slow TV. Was aber macht Slow Media aus? Das „Slow Media Manifest“ postuliert vierzehn Punkte dazu, was Slow Media ausmacht. Diese sind vereinfacht visualisiert:

(Wordcloud via abcya.com)

Und, was meint ihr? Habt ihr euch mit Slow-Ansätzen bereits beschäftigt? Was macht für euch Slow Media aus? Was haltet ihr von Slow TV?

2 Kommentare

  1. Wir sind noch in der Begriffsphase. Denn manche sagen einfach, slow journalism heißt schlichtweg mehr Zeit für die Recherche zu haben, dann sind Projekte wie Korrektiv genau das. Aber vielleicht macht eine produktorientierte Sicht, die etwas enger ist, mehr Sinn, da sie klarer ist?

  2. Ein sehr interessanter Artikel!

    Slow Food kannte ich bereits als Begriff – Slow TV / Slow Media nicht. Insofern kann ich nur reflektieren, was ich hier lese.
    Slow TV kann ich mir dabei – in der vorgstellten Form – gerade mal nur als Nischenprodukt vorstellen. Wobei die Weihnachtszeit vielleicht eine gute Möglichkeit wäre, hier ein Gegengewicht zu den vielen aktionsreichen Beiträgen zu liefern. Andererseits möchte ich gerade denen, die sich Entschleunigung wünschen einfach komplett vom TV abraten.
    Wenn schon slow, dann aber aktiv wäre mein spontaner Gedanke. Wobei das – wenn schon – jetzt keine Abelehnung beinhaltet. Im Gegenteil, ich kann mich sehr mit dem Begriffen, ganz besonders der Achtsamkeit, welche die Slow Media beschreiben, identifizieren. Slow TV verbinde ich leider nur zu schnell mit der Vorstellung, dass der Betrachter dabei eindöst. Was sicher das Bedürfnis nach Ruhe unterstreicht. Meiner Meinung nach dann aber ganz bewusst geholt werden sollte. Aktiv eben.

    Slow Media in Zeitschriften kann ich mir sehr gut vorstellen. Ebenso wie Slow Momente im Alltag. Vielleicht ist es auch nötig so eine Begrifflichkeit zu haben, um das Ganze zu einer breiten gesellschaftsfähigen Bewegung zu etablieren. Nach dem Motto: Nun ist es modern Slow Media zu nutzen, also machen wir mit.
    Wünschenswert wäre sicher, dass es diesen Begriff gar nicht braucht. So wie sich “Slow Food” allein über den Begriff als besondere Esskultur von der Normalität ebenso entfernt wie Fast Food.
    Gesellschaftlich wünschenswert wäre es mE aber, dass sich Achtsamkeit, Nachhaltigkeit usw. sich nicht über einen Begriff wie Slow Media als etwas Besonderes, womöglich Modernes entwickelten, dass dann einem gewissen Zeitgeist unteliegt, sondern lieber einer Norm näherten, die selbst zeitlos ist und bleibt.

    Doch glaube ich auch, dass man wohl nur über Begriffe, die Aufmerksamkeit erzeugen, etwas / ein Nachdenken anstoßen kann.

    Rosemarie Benke-Bursian

Kommentare sind geschlossen.