Shitstorm und Politik

flickr-Autor: Bastian Haas Bild: DSC_6670

Julia Schramm tritt zurück, titelten am vergangenen Freitag viele Medien. Die 27-jährige Beisitzerin des Bundesvorstands der Piratenpartei Deutschland sagte etwa Spiegel Online: „Aus dem Ehrenamt Politik ist ein Beruf geworden, den ich so nicht ausüben möchte.“ Die Süddeutsche Zeitung zitierte sie: „Sie müsse ihr Denken und Handeln mit jedem Tag mehr und mehr an eine alte Politikvorstellung anpassen, die sie ablehne, begründet Schramm ihren Schritt.“ Zuvor erlebte Julia Schramm einen so genannten Shitstorm. Leitmedien wie beispielsweise die Süddeutsche Zeitung bringen den Shitstorm mit ihrem Rücktritt in Verbindung.

Definition: Shitstorm

Der Begriff Shitstorm kommt aus dem Englischen und bildet sich aus den Wörtern „shit“ für Scheiße und „storm“ für Sturm. Der Duden gibt folgende Definition: „Ein Shitstorm ist ein Sturm der Entrüstung in einem Kommunikationsmedium des Internets, der zum Teil mit beleidigenden Äußerungen einhergeht”. Sascha Lobo, Kolumnist bei Spiegel Online, der bereits Vorträge über das Phänomen Shitstorm gehalten hat, unterscheidet zwischen zwei Arten des Shitstorms, aus denen auch Mischformen auftreten können. So gibt es laut Lobo auf der einen Seite den reagierenden Shitstorm. Er wird durch die Empörung über eine Äußerung in den Medien oder durch politische Zumutung entfacht. Auf der anderen Seite gibt es den spontanen Shitstorm, der anlasslos oder durch kleinste Auslöser, beispielsweise eine alltägliche Beschwerde, ausgelöst wird.

Shitstorm-Auslöser am Beispiel des Rücktritts von Julia Schramm

Die Veröffentlichung ihres Buches Klick mich. Bekenntnisse einer Internet-Exhibitionistin“  Ende September lösten den Shitstorm aus. Zum einen wurde der Inhalt des Buches kritisiert. Es sei generell wenig Inhalt zu finden, dafür aber umso mehr Schwafelei. Etwas Persönlichkeit und eine Briese Sex – viel mehr Inhalt gebe das Buch nicht her. Der größte Aufreger war allerdings, dass ihr Verlag eine illegale Gratiskopie des Buches im Internet sperren ließ. Dies steht im Gegensatz zu der Position ihrer Partei, die für freies Kopieren im Internet steht. Auch Julia Schramm selbst sprach sich zuvor gegen den Begriff „geistiges Eigentum“ aus. In sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook wurde sie heftig kritisiert. Ihr Rücktritt wurde verlangt und die Piratenpartei zu einer Stellungnahme aufgefordert. Es folgten Beschimpfungen, etwa Julia Schramm sei „dumm“ und sogar ein eigens dafür geschriebenes Lied über sie wurde in sozialen Netzwerken verbreitet.

Bei den Beschimpfungen könnte auch Neid mitschwingen, da die 27-jährige für ihr erstes Buch einen Vorschuss von 100.000 EUR bekommen haben soll. Auch dass sie selbst gerne provoziert und sich in Szene setzt, könnte zu dem Shitstorm beigetragen haben. Selbst beim Online-Shop amazon wütete der Shitstorm. Von 68 Rezensionen bekam sie 54 mal nur einen Stern, also die schlechteste Bewertung. Das Buch wurde nicht nur inhaltlich kritisiert, sondern auch die Autorin beschimpft. Der Shitstorm griff auch auf die Massenmedien über. Während BILD bei den Beschimpfungen mitmischte, berichteten andere Medien lediglich über die Vorkommnisse, was aber auch zur Verbreitung des Themas beitrug.

Auswirkungen des Shitstorms für Julia Schramm

Der Fall von Julia Schramm zeigt, wie sich ein Shitsorm entwickeln kann. Die Kritiken entfalten eine Eigendynamik auf mehreren Webseiten und Netzwerken. Die Posts werden immer unsachlicher und emotionaler. Mit der Zeit übertönen Beschimpfungen und Beleidigungen jede Form sachlicher Diskussion. Am Ende ziehen die Betroffenen häufig Konsequenzen. Julia Schramm nannte den Shitstorm zwar nicht im Zusammenhang mit ihrem Rücktritt. Jedoch ziehen Leitmedien wie beispielsweise die Süddeutsche Zeitung oder Spiegel Online diesen Zusammenhang in Betracht. Bei Durchsicht der Posts liegt dieser Zusammenhang auch nahe, da hier neben Beleidigungen und Beschimpfungen ihr Rücktritt häufig gefordert und von der Piratenpartei Konsequenzen verlangt wurden.

Weitere Beispiele

Am 12. Oktober besuchte Angela Merkel den Wahlkampf des Oberbürgermeister-Kandidaten Sebastian Turner, um diesen zu unterstützen. Empfangen wurde sie auf dem Stuttgarter Marktplatz allerdings von einem Pfeifkonzert der Stuttgart 21-Gegner, die ihr die Unterstützung für den Tiefbahnhof Stuttgart 21 verübelten. Der FDP-Politiker Michael Marquardt war darüber so empört, dass er sich seiner Wut bei Facebook Luft machte: “Ich bin so wütend und enttäuscht – Stuttgart hat sich mal wieder von seiner hässlichsten Seite gezeigt. Nur Trillerpfeifen, alte gefrustete Weiber mit ungepflegten Haaren und Trillerpfeifen, ungepflegte, nach alten Schweiß stinkende, rumbrüllende Männer ohne jeden Anstand. (…) Ich schäme mich so für dieses Bild, das Stuttgart einmal mehr abgegeben hat!” Die Reaktionen auf diesen Post waren heftig. Folgende Kommentare zeigen beispielhaft wie negativ die Äußerung von Marquard von den meisten auf Facebook kommentiert wurde.

Gerhard Glaser schrieb: „Was Marquardt hier geäußert hat, ist keine Meinungsäußerung, sondern eine persönliche Verunglimpfung – da er anscheinend mit Argumenten nicht weiterkommt. Was die Demonstranten gemacht haben, war Meinungsäußerung.“

Und Imgard Walter kommentierte: „Herr Marquardt, man sollte die Achtung vor den Menschen nicht verlieren – auch wenn diese eine andere Meinung haben.“

1.409 Kommentare wurden unter Marquards Eintrag verfasst, 278 Mal wurde er geteilt. Aber es ging nicht mehr nur um die Äußerung. So fingen bald auch Bahnhofsbefürworter und –gegner an, sich zu beleidigen, beispielsweise als “Assi” oder “Speichellecker”. Einer wollte sogar alle FDP-Wähler erschießen. Durch die mediale Berichterstattung über den Shitstorm wurde dieser noch verstärkt. WELT Online erzählte Marquardt, dass sich auf seinem Anrufbeantworter Drohungen und Beschimpfungen sammelten und dass man selbst seinem Hund drohte. Doch den Kommentar zurücknehmen oder von seiner Facebook-Seite löschen wollte Marquardt nicht. In Zukunft wolle er aber erst einmal eine Nacht drüber schlafen, bevor er etwas postet.

Diskussionsansätze

Über das Phänomen des Shitstorms lässt sich diskutieren. Im Folgenden werden zum Abschluss noch einige Anstöße gegeben.

Patrick Döring, Generalsekretär der FDP sagte: Es könnte die Gefahr bestehen, dass wir nicht mehr offen kommunizieren”. Er ist der Meinung, dass Beleidigungen eine ernsthafte Diskussion verhindern. Politiker würden sich häufig dem Dialog verweigern und seltener online gehen. Es könnte sein, dass sie aus der Furcht vor einem Shitstorm heraus, weniger klar ihren Standpunkt formulieren würden.

Sascha Lobo gibt in seinem Shitstorm-Text auf Spiegel Online folgendes zu bedenken: „Aber seit der Begriff politisch in Mode gekommen ist, beklagt jeder Vizekreisvorsitzende schon einen Shitstorm, wenn jemand auf Twitter etwas ruppig nach der Uhrzeit fragt. […] Die mediale Shitstormisierung der Meinungsäußerung in Gruppen ist dabei durchaus problematisch. Denn [dadurch] geht ein Teil der Wirkung verloren.“

Was Lobo schon anreißt, führt folgender Textauszug des NDR weiter aus: „Sobald ein Abgeordneter meinungsstark Stellung bezieht, droht ein virtueller Vernichtungsfeldzug […] die vernichtenden Internet-Kommentare [bleiben] für die Ewigkeit im Netz und damit in der Öffentlichkeit. Die pöbelbereiten Störer verstehen sich als politische Akteure. Doch tatsächlich bewirken sie, dass Abgeordnete noch häufiger Risiko-Themen, klare Worte oder eigene Meinungen vermeiden – aus Angst vor einem Shitstorm“.

Das Phänomen des Shitstorms stellt für die öffentliche Diskussion also durchaus auch Gefahren da. Ob wir den richtigen Umgang mit den Wutausbrüchen im Netz in den nächsten Jahren lernen, bleibt abzuwarten.

Autoren: Julia Krause und Kirsten Feldmann