“Social TV ist anstrengend”

Screenshot: rundshow.de

In unserem Projekt zum Thema “Second Screen” haben wir uns mit der Online-Kommunikation zu den Politsendungen ZDF log in und hart aber fair beschäftigt. Dabei wollten wir nicht eines der innovativsten deutschen Social-TV-Formate der jüngsten Zeit unter den Tisch fallen lassen: die Rundshow des Bayerischen Rundfunks. Wir uns mit dem Erfinder unterhalten. Richard Gutjahr über die Vernetzung von Online und TV, das Experiment Rundshow und die Zukunft des Fernsehens.

Herr Gutjahr, mit welchen Erwartungen sind Sie an die Rundshow herangegangen?

Richard Gutjahr: Im Grunde wollten wir nur spielen und ausprobieren, um dazu zu lernen. Denn über die Jahre haben wir verlernt über den Tellerrand hinweg zu blicken und zu schauen, wie die Medien heute funktionieren. Ich glaube da ist unser Publikum schon sehr viel weiter und benutzt schon sehr viel mehr Kanäle als die Redakteure in den Sendeanstalten.

Sie haben versucht, relativ offen an das Projekt heran zu gehen, haben z.B. keine Zielgruppe definiert. Ist es so auch zu erklären, dass Sie jeden nur möglichen Rückkanal  benutzt haben, ohne eine Einschränkung vorzunehmen?

Gutjahr: Nein. Wir wussten, die Rundshow ist eine Einmal-in-zehn-Jahren-Gelegenheit und da mussten wir doch reinbuttern, was es so gibt. Auch wenn es konzeptionell nicht immer Sinn gemacht hat, das gebe ich gerne zu. Aber es hat einfach diesem Werkstattcharakter entsprochen. Wenn etwas mal nicht funktioniert hat, haben wir justiert und wenn es dann immer noch nicht funktioniert hat, haben wir es eben rausgeschmissen.

Was war denn die größte Herausforderung, so viele Kanäle zu nutzen?

Gutjahr: Das Wort “Fernsehsender” beinhaltet schon das Problem: Wir sind die Meister im Senden aber wir sind Amateure im Empfangen. Also war das Empfangen unsere größte Aufgabe. Wir haben wirklich zwei Monate nur daran gearbeitet, das Regiepult mit Rückkanälen zu belegen. Nur so war der Regisseur in der Lage, einen Facebook– oder Twitter-Kommentar in Echtzeit einzublenden, zehn Sekunden nachdem ihn jemand abgesetzt hat. Das hat die größte Arbeit gemacht.

Welche Kanäle wurden am häufigsten genutzt und welche waren weniger sinnvoll?

Gutjahr: Twitter ist die Social TV-Plattform schlechthin. Ich hätte ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, weil ich weiß, dass prozentual mehr Leute auf Facebook sind. Aber 140 Zeichen Schrift, das geht gut neben dem Fernsehen. Bei Facebook fühlen sich die Leute viel schneller abgelenkt.

Über die Kanäle haben Sie auch sehr viel Feedback zur Sendung bekommen. Wie sind Sie damit umgegangen?

Ich glaube, wenn es etwas gibt, wofür selbst unsere schärfsten Kritiker uns loben, ist das, dass wir wirklich vom ersten Tag an  angefangen haben, auf die Kommentare zu reagieren und Dinge umzustellen. Die Leute empfanden zum Beispiel, dass wir die Nachrichtensendung Rundschau in der Rundshow drinnen hatten als absoluten Abschalter und Fremdkörper. Wir haben sie dann ganz ans Ende der Sendung gepackt.

Die Sendung selbst wurde stark von den Zuschauern und deren Meinung bestimmt. Inwiefern gibt man damit auch Kontrolle über die Qualität des Formats ab?

Gutjahr: Ich sehe darin im Grunde genommen gar keinen so großen Unterschied zu dem was wir im Fernsehen sonst auch machen. Nur dass das eben sehr viel dichter und sehr viel näher war. Wir haben hingehorcht, was die Leute bewegt und dabei nicht gewartet, bis es die Zeitungen vom Vortag gedruckt haben, sondern direkt mit den Leuten geredet. Das ist wirklich harte Arbeit, Social TV ist anstrengend. Ich kann auch verstehen, wenn Redakteure einfach sagen: Ich hab da keinen Bock drauf, wir bestimmen und fertig. Nur ich glaube so funktioniert die Welt einfach nicht mehr.

Nun will sich aber auch nicht jeder Zuschauer aktiv beteiligen. Ist Fernsehen nicht vielleicht doch ein Lean-Back-Medium?

Man kann davon ausgehen, dass 90 Prozent der Leute einfach nur passive Couchpotatos sind. Nur neun Prozent sind dagegen Leute, die aktiv kommunizieren, also Dinge aufgreifen, die vorgegeben werden. Und nur ein Prozent der Leute im Web schaffen eigene Inhalte. Das heißt, Fernsehen ist zwar weitestgehend passiv, aber die aktiven neun Prozent sind insofern wichtig, als dass sich der Rest eher mit diesen Zuschauer identifiziert als mit uns als Fernsehschaffende. So haben die passiven 90 Prozent am Ende doch das Gefühl, sie würden mitmachen – auch wenn sie sich gar nicht aktiv beteiligen.

Welche Schlüsse hat die Redaktion aus dem Projekt gezogen?

Gutjahr: Jemand hat mal gesagt: Der größte Erfolg der Rundshow war, dass es das Experiment überhaupt gab. Über alles andere kann man streiten. Die Technik hat mal nicht funktioniert, inhaltlich war es manchmal ein bisschen mau. Aber es war gut, dass wir überhaupt mal so eine Beta-Sendung an den Start gebracht haben, bei der man ständig nachbessert. Ich glaube so kann man an ein Format heran gehen und muss nicht ständig auf das fertige Killerkonzept warten oder sich teuer eins aus dem Ausland einkaufen.

Wird das Fernsehen künftig ohne Social Media nicht mehr funktionieren?

Gutjahr: Ich denke, das Fernsehen hat seine ganz große Zeit erst vor sich. Es gibt keine andere Erfindung neben dem Fernsehen, die es schafft, so viele Leute gleichzeitig zu der gleichen Tätigkeit zu bringen. Früher haben wir uns am Montag in der Kaffeeküche über “Wetten dass…???” unterhalten, jetzt machen es die Leute während sie noch “Wetten dass…???” gucken. Das ist ein riesen Punkt, den das Fernsehen bisher noch gar nicht richtig genutzt hat.

Ein anderer Punkt ist, dass man im Netz über den Long Tail fast eine genauso große Millionenquote erzielen kann, nur eben nicht an einem Abend oder in einer Primetime, sondern verteilt auf fünf Jahre. Schauen Sie sich alte Youtube-Videos an, die mittlerweile 10.000.000 Views haben. Das steht “Wetten dass…???” in nichts nach. In den beiden Aspekten sehe ich die großen Chancen.

Interview: Corinna Klingler 
Mitarbeit: Julia Krause und Marina Miller

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