Qualität im Journalismus: Es bleibt beim Pudding

„Nachrichten und Qualität“ – ein heißes Eisen, über das vergangene Woche in Darmstadt diskutiert wurde. Die Frage, was Mediennutzer vom Journalismus erwarten und wie sie dessen Leistung beurteilen (können), stand im Mittelpunkt einer Fachtagung der Universität Stuttgart-Hohenheim. Ein Überblick über Forschung und Diskussion.

„Qualität im Journalismus definieren zu wollen gleicht dem Versuch, einen Pudding an die Wand zu nageln.“
Stephan Ruß-Mohl

Eines gleich vorweg: Es bleibt bei dem bekannten Zitat des Medienwissenschaftlers Stephan Ruß-Mohl über Qualität im Journalismus. Daran hat auch die Fachtagung im Darmstädter Schader-Forum am 7. Februar nichts geändert. Die vorgestellten Forschungsergebnisse und auch die Diskussion mit den Praktikern sorgten jedoch dafür, dass Qualität im Journalismus vielseitig betrachtet wurde.

Zeitungsstapel | Bild: Martin Krauß
Zeitungsstapel | Bild: Martin Krauß
„Die Leser wünschen sich einen mutigen und unterhaltsamen Journalismus.“

„Denen ist ihre Lokalzeitung zu langweilig und zu zahm“, fasste der Journalismusforscher Klaus Arnold von der Universität Trier das Ergebnis einer Leserbefragung zusammen. Diese stammt zwar aus dem Jahr 2005, die Ergebnisse seien laut Arnold aber nach wie vor wichtig: „Die Leser wünschen sich einen mutigen und unterhaltsamen Journalismus.“ Hinzu komme, dass umso älter die Menschen sind, sie umso stärker die Qualität von Zeitungen schätzen. Arnold hatte Boulevard- und Regionalzeitungsleser sowie Leser überregionaler Zeitungen befragt.

„Zeitungen sind keine amüsanten Comichefte“, hielt Frank Überall vom Deutschen Journalisten Verband dagegen.  Sie besäßen auch eine Chronistenpflicht. Notwendig wären ein moderner Erzählstil und ein eigener Zugang zu den Themen. Das Problem seien laut Überall die Verleger. Diese würden der Devise folgen: „Am besten immer weniger ausgeben, dafür höhere Managergehälter zahlen.“ Dafür sei die Huffington Post ein Beispiel. Stattdessen müsse in die Journalisten investiert werden, sonst würden diese mit der Zeit eigene Medienangebote starten. In einigen Städten gebe es bereits Blogs, die sich das zur Aufgabe gemacht hätten.

Beurteilen Mediennutzer und Wissenschaftler journalistische Qualität gleich?

„Versaut euch mittelfristig, langfristig eure Marken nicht“, empfahl auch Wolfgang Schweiger von der Universität Stuttgart-Hohenheim. Zusammen mit Juliane Urban stellte er in einem Forschungsprojekt die Frage: Sind Mediennutzer eigentlich in der Lage, die Qualität eines Artikel zu beurteilen, wenn sie ihn vor sich haben?

Über zweitausend Personen wurde dafür jeweils ein Artikel vorgelegt, dessen Qualität diese einschätzen sollten. Was die Befragten nicht wussten: Die Forscher haben zwei Fassungen eines Artikels geschrieben. Eine war nach fachlichen Kriterien gut geschrieben, die andere Fassung dagegen schlecht. Zudem bekam eine Gruppe gesagt, der Artikel – egal ob die gute oder schlechte Fassung – stamme von der Süddeutschen Zeitung. Der anderen Gruppe wurde mitgeteilt, der Text stamme von der Bildzeitung.

Das Ergebnis: Stammt ein Artikel scheinbar von der Süddeutschen Zeitung, wurde er besser bewertet, als wenn der gleiche Artikel der Bildzeitung zugeordnet wurde. Lediglich beim Punkt Verständlichkeit eines Textes liegt die Bildzeitung vorne. Dem Markenimage einer Zeitung kommt bei der Bewertung journalistischer Qualität folglich eine große Rolle zu.

Zielgruppen gerechte Ansprache ist ein Qualitätskriterium

Die Studie ergab allerdings auch, dass die Mediennutzer die Qualität eines Artikels nur zu 35 Prozent mit den Kriterien der Fachleute (z.B. Vielfalt, Verständlichkeit, Relevanz, Aktualität) beurteilen. Die Debatte im Schader-Forum machte deutlich, dass Qualität für den einzelnen Mediennutzer auch damit zu tun hat, ob er oder sie von dem Beitrag angesprochen wird.

Ein Beispiel: Wenn in einer Zeitung etwa über ein Jugendzentrum berichtet wird, aber nur Zitate von Erwachsenen enthalten sind, fühlen sich Jugendliche nicht angesprochen. Da scheint in der Medienlandschaft noch Nachholbedarf zu sein. Nicht anders sind die Ergebnisse einer Befragung von Dennis Reineck, von der Universität Hamburg, zu interpretieren. Er befragte 78 Menschen im Alter von 18 bis 25 Jahren. In seiner qualitativen Studie fand er unter anderem heraus, dass Studenten stärker Nachrichten-Websites nutzen, als andere. Diese mit der Nutzung journalistischer Angebote aber auch das Motiv „Entspannung“ verbinden.

„Wir nehmen uns vor arte zugucken und schauen dann doch RTL.“

Auf TV-Nachrichten angesprochen, sagte ein Befragter aus Reinecks Studie: „Die besten Nachrichten gibt es da, wo wir nicht gucken.“ Ob der Wille des Publikums jedoch von den Einschaltquoten abgeleitet werden könne, bezweifelte Christoph Neuberger von der Universität München. Die Frage sei, „ob die Nutzung etwas über die Wertschätzung sagt“.

„Wir nehmen uns vor arte zugucken und schauen dann doch RTL“, gab Neuberger zu bedenken. Als Mediennutzer würden wir uns kurzfristig zur Nutzung verleiten lassen, aber wissen, dass etwas anderes besser wäre. Die Rezipienten stecken laut dem Münchner Wissenschaftler in einem Zwiespalt, der bei der BBC mit Consumer Value (kurzfristiger individueller Nutzen) und Citizen Value (langfristiger gesellschaftlicher Nutzen; auch Public Value) beschrieben werde. Nachrichten und Religion sind dabei – einer Befragung der Ofcom zufolge, die Neuberger präsentierte, – Themen, die beiden Values gleichermaßen zugeordnet wurden. Bildung ist dieser Befragung nach dagegen ein Bereich, der klar dem Citizen Value zugeordnet wurde. Die Unterhaltung durch Filme, Serien oder Shows ist dagegen ein Aspekt des Consumer Values.

Die Trennung in verschiedene Werte durch die Befragten bedeute jedoch nicht, dass die Programme, die dem Citizen Value / Public Value zugeordnet wurden, nicht im Rundfunk ausgestrahlt werden sollen. Ihnen wird nur ein anderer Wert oder Nutzen zugeordnet.

Auf die Frage, was Qualität im Journalismus ist, gab es am Freitag im Schader-Forum trotz der vielen Studien und Diskussionen keine eindeutige Antwort. Daher bleibt es, wie anfangs erwähnt, in der Wissenschaft vorerst dabei: „Qualität im Journalismus definieren zu wollen gleicht dem Versuch, einen Pudding an die Wand zu nageln.“