Perspektivwechsel oder Normalisierung: Lektionen aus dem jüngsten New York Times Backlash

Fernab der deutschen Medienlandschaft sorgte Ende November ein Artikel der wohl weltweit bekanntesten Zeitung für große Empörung online.

A Voice of Hate in America’s Heartland
ist das Portrait eines jungen Mannes namens Tony Horvater aus dem US-Bundesstaat Ohio, ein leidenschaftlicher “weißer Nationalist“ und “Nazi Sympathisant“. Reporter Richard Fausset begleitet Horvater in diesem Artikel durch seinen Alltag des frischen Ehelebens, Kettenrestaurants, arischen Radiosendern und NSDAP-Armbinden.

In Ohio, amid the row crops and rolling hills, the Olive Gardens and Steak ’n Shakes, Mr. Hovater’s presence can make hardly a ripple. He is the Nazi sympathizer next door, polite and low-key at a time the old boundaries of accepted political activity can seem alarmingly in flux.

Das Portrait wurde veröffentlicht – die Empörung war groß. Auf Twitter hagelte es Kritik an Zeitung und Journalist: Wie könne man es wagen einen Nazi derart zu normalisieren? Ihn als „höflichen Nachbarschaftsnazi“ zu verharmlosen? Kinder jüdischer Einwanderer erinnerten an die brutale Gewalt der Vergangenheit, andere an die nicht allzu vergangenen Ereignisse in Charlottesville. Manche deklarierten außerdem ihren Boycott der NYT.

Weitaus wenigere Äußerungen erschienen in Verteidigung des Artikels. Ihr Argument: Gerade die Normalität dieser neuen Rechten sei doch das furchterregende. LeserInnen müssten wohl an die “Banalität des Bösen” erinnert werden.

Bei uns im Medienentwicklungslabor wurde bei dieser Diskussion der Artikel verteidigt. Der Text würde das rechte Gedankengut keineswegs tolerieren, aber die Darstellung der Normalisierung als Bedrohung sei für manche vermutlich zu subtil gewesen, gerade im kulturellen Kontext der Vereinigten Staaten. Doch trotz der geographischen Entfernung können wir auch hierzulande aus diesem Fall lernen. Schließlich herrscht auch hier kein Konsens über den Umgang der Medien mit AfD und Co. In unserer Diskussion wurden schließlich drei Taktiken herausgearbeitet, die es bei der Berichterstattung zu den Neuen Rechten zu beachten gilt.

1. Nuancen sind wichtig – wenn man sie versteht

Wortwahl und Tonfall sind wichtige Stilmittel des Journalismus. Doch kann offensichtlich nicht davon ausgegangen werden, dass jede/r sie auf gleiche Weise versteht. Bei heiklen Statements gilt es also die klare Formulierung der stilistischen Spielerei vorzuziehen.

2. Transparenz der journalistischen Methoden

Hätte der Autor des Artikels sich erklären müssen? Richard Faussets schrieb sogar einen begleitenden Bericht über seine Recherche in Ohio und reflektierte dabei die Erfahrungen die er mit dem Nazi-Sympathisanten machte. Im Zeitalter der stetigen Shitstormbereitschaft, kann allerdings nicht davon ausgegangen werden, dass ein zweiter Begleitartikel immer brav dazugelesen wird. Wie so oft gilt es die journalistische Herangehensweise und Methode der Öffentlichkeit zugänglicher zu machen, wahrscheinlich am besten im Artikel selbst.

3. Ansprechen aber nicht in die Mitte nehmen…

…war zum Abschluss der Diskussion ein Tipp von Dozent Prof. Dr. Torsten Schäfer. Wer den Diskurs mit Rechten sucht, kann diesen auch führen. Allerdings gilt es diese Individuen oder auch Gruppen sorgfältig zu kontextualisieren. Die reine Häufigkeit der Darstellung von rechtem Gedankengut – sei es in einer kritischen Auseinandersetzung, kann bei vielen den Eindruck erwecken, dass es sich bereits um eine Position des Mainstreams handelt, während es sich in der Realität zumeist um Randgruppen handelt. Um die Verzerrung der Mengenverhältnisse zu gewähren, gilt auch hier für die Berichterstattung: Achtsamkeit im Umgang mit Sprache.

 

Weiterführende Informationen gibt es hier:

Statement der New York Times

The New York Times just taught us how not to profile a Nazi sympathizer – Salon

What the New York Times’ Nazi Story Left Out – Slate