Warum wir in den Wald gingen

Es ist Freitagnachmittag, irgendwann zwischen 13 und 14 Uhr. Eine Gruppe Studenten schlendert durch den Dieburger Forst. Immer wieder bleiben sie stehen, schauen sich um, diskutieren. Was machen die da?

Von Fabienne Sygulla und Tanja Duda

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Fotos: Clara Hechler

“Die” waren in diesem Fall wir, die Masterstudenten des Studiengangs Medienentwicklung. Eines unseres Wahlpflichtfächer in diesem Semester heißt “Natur- und Klimageschichten – finden, entwickeln, erzählen”. Der Name ist Programm. Es geht darum, sich dem großen Feld der Natur- und Klimathemen zu nähern, zu beobachten, wie diese Themen medial aufbereitet werden und sich zu überlegen, wie das noch besser ginge.

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Gerade das Thema Natur boomt derzeit wie selten zuvor. Grün ist in, fancy und passt irgendwie zu allem. Alles bekommt derzeit den Stempel “natürlich”, “grün” oder “ökologisch” aufgedrückt – dann kommt es gut an.

Romantischer Touch

In den Zeitschriftenregalen sprießt seit Jahren ein Magazin nach dem anderen zum Thema Natur aus dem Boden. Zeitschriften wie Landlust, LandIdee, LandGenuss, LandLeben, Land & Berge, Mein schönes Land und wie sie nicht alle heißen erleben derzeit Konjunktur und sind als Symptome der gegenwärtig aufkommenden Natursehnsucht zu sehen. Ländlichkeit und Natur werden darin als Idylle inszeniert und haben häufig einen romantischen Touch, der irgendwas mit Entschleunigung und Seelenruhe vermitteln möchte. Warum haben diese Magazine einen derart gigantischen Erfolg? Das war nur eine von vielen Fragen, denen wir in der ersten Sitzung des Seminars nachgegangen sind. Eine von Dutzenden Antworten liegt in der wachsenden Dynamik unseres Alltags begründet. Viele sind heute mit ihrem beschleunigten Alltag überfordert und sehnen sich zurück nach einer Nähe zur Natur, die sie an eine friedliche Kindheit erinnert und Ruhe symbolisiert.

Doch was ist das eigentlich – Natur? Wo fängt Natur an und wo hört sie auf? Ist Natur alles – oder heute nicht eher so gut wie gar nichts mehr? Ist der Park nebenan noch als Natur zu bezeichnen? Wie sieht es aus mit von Menschenhand veränderten Flussläufen, Wäldern, Wiesen, Äckern?

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Ja, auch wir haben so etwas wie eine Natursehnsucht

Etwas, das wir sicher alle aus der ersten Sitzung des Seminars mitgenommen haben war die Tatsache, dass wir alle ein wenig den Bezug zur Natur verloren haben. Als Kinder waren wir ständig draußen, haben im Dreck gespielt und uns nicht um Grasflecken auf der Hose geschert. Draußen waren wir frei und haben die Zeit vergessen. Heute müssen wir lange nachdenken, wenn wir gefragt werden, was Natur für uns bedeutet. Heute ist die Natur für uns nicht mehr so leicht greifbar, nicht mehr so leicht zugängig. Gleichzeitig vermissen wir sie. Heute gehen wir sogar gerne spazieren, um mal weg vom Schreibtisch zu kommen und die Alltagssorgen fliegen lassen zu können. Ja, auch wir haben so etwas wie eine Natursehnsucht. Auch wir finden grün irgendwie cool und sind froh, wenn wir den Unistress mal hinter uns lassen und hinaus in die Natur gehen können. Wenn wir das nächste Referat mal Referat sein lassen können. Über Grasflecken auf der Hose ärgern wir uns dann aber trotzdem.

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