Medien in der Vertrauenskrise. Und nun?

Als Medienstudent konnte man auf der re:publica 2016 den Eindruck bekommen, dass Profis aus Journalismus und PR sich hektisch über trendige Plattformen und Tools austauschen, um ihre Zielgruppen bestmöglich zu erreichen. Was aber, wenn immer mehr Menschen von etablierten Medien, Parteien und anderen Institutionen überhaupt nicht mehr erreicht werden wollen?

von Naoual Abardah und Tom Weimar

Nach den Ergebnissen des “Trust in Professions Report 2016” des GfK Vereins vertrauen 96 Prozent der Deutschen den Feuerwehrleuten, doch nur 36 Prozent vertrauen den Journalistinnen und Journalisten. Der Polizei vertrauen laut ARD DeutschlandTREND 84 Prozent der wahlberechtigten Bevölkerung in Deutschland, doch nur 38 Prozent vertrauen den Medien und 24 Prozent den politischen Parteien. Die NZZ spricht von einem „Jahrhundertthema” und sieht das „Ende des Aufklärungszeitalters” nahen. Und nun? Gute Frage. Im Medienentwickler-Labor haben wir darüber diskutiert, warum das Vertrauen in die Medien erschüttert ist und wie man es wieder aufbauen kann.

Damals, Ende der 1960er-Jahre, nutzten bereits die revoltierenden Studenten der 68er-Bewegung den Begriff „Lügenpresse”, um den verhassten Springerverlag zu schmähen. Heute, 2016, gibt es wieder eine Bewegung, die sich von den Mainstream-Medien emanzipieren will. Dabei handelt es sich aber nicht um eine progressive, sondern um eine regressive Bewegung; man könnte glatt sagen: eine Antibürgerrechtsbewegung. Sie beschwört den „Kult des uninformierten Gefühls” (Carolin Emcke). Was sie den Medien, an denen fundierte Kritik berechtigt wäre, entgegensetzt, ist oftmals rassistisch, völkisch und herbeifantasiert.

Gefühle und Verschwörungsideologien

Der Soziologe Heinz Bude spricht von einem “Gefühl des tiefen Misstrauens”, ob das Land eigentlich noch richtig geführt werde. Menschen, die dem sogenannten Dienstleistungsproletariat angehören, hätten sich innerlich schon von der politischen Gesellschaft verabschiedet. Und damit natürlich auch von ihren Medien.

Gleichzeitig fördert eine Politik der nationalen Abschottung in Europa eine wiederkehrende Skepsis gegen das Kosmopolitische. Journalisten werden als Teil „globaler Eliten” identifiziert, denen nicht zu trauen sei. Der Hass, der auf verschwörungsideologischen Webseiten schon lange gegen (öffentlich-rechtliche) Medien, die Grünen, Linkspartei, die USA und den Staat Israel gehegt wurde, scheint wieder gesellschaftsfähig zu werden.

In der sogenannten Aufmerksamkeitsökonomie konkurrieren Informationen miteinander und und sorgen für eine immerwährende Flut von Reizen. Der Facebook-Kommentar bietet eine willkommene Möglichkeit des Ausbruchs. Es scheint im Internet besonders leicht, gegen Journalistinnen und Journalisten zu wettern. Man hört und bestätigt sich dabei gegenseitig.

Propagandaschlacht im Netz

Es handelt sich um Spin-Doctoren, ‘naive Bürgerjournalisten’, Trolle, Zweifler, Menschen aus dem rechten, aber auch linken Spektrum, die ihre eigene Meinung in der Berichterstattung nicht wiederfinden und im Netz zu ‘Aufklärern’ mutieren. Vom heimischen PC aus schleusen sie Desinformationen in Form von schlichten Falschmeldungen oder komplizierten Verschwörungstheorien ins World Wide Web. Die Sozialen Netzwerke bieten den optimalen Nährboden für ihre Verbreitung.

Warum?

  1. Weil es keinen eingebauten Fakten-Check gibt (dafür aber Vereine wie Mimikama, die Fakes im Internet entlarven).
  2. Weil Desinformierer selten dafür geradestehen müssen, wenn Sie Unfug veröffentlichen.
  3. Weil wir lieben, was uns emotionalisiert – dazu gehören leider auch Desinformationen, die sich durch unsere Likes und Shares extrem schnell verbreiten.
  4. Weil Social Bots für propagandistische Zwecke eingesetzt werden können (wie aktuell auch im US-Wahlkampf). Für Betreiber sind sie billig, risikolos und kaum nachweisbar.

Zudem gibt es die eingebaute Kommentarfunktion, die Diskussion ermöglichen soll, aber eben auch von Trollen für die Verbreitung von rassistischen, beleidigenden und hetzenden Kommentaren genutzt wird. Viele Hasskommentare richten sich gegen bestimmte Personengruppen – ob Journalisten, Flüchtlinge, Politiker oder bestimmte Ethnien. Extreme Kommentare werden gelöscht – mit grenzwertigen gehen die Redaktionen unterschiedlich um. Wie sollten Medien mit Hate-Speech umgehen? Lieber sachlich wie die F.A.Z. oder humorvoll wie Die Welt?

hatespeech

Stimmen aus der Diskussionsrunde

„Eine sachliche und strenge Diskussion ist eine bewährte Strategie”, so ein Dozent. Den Studierenden leuchtet das ein. Schließlich fördern sarkastische und ironische Reaktionen auf Hasskommentare die Ausgrenzung der Andersdenkenden. Allerdings bekommen Redaktionen, die mit lustigen Gegenkommentaren arbeiten, auch viele Likes, doch, so eine Studentin: „Sie gehen mit schlechtem Beispiel voran, wenn sie auf diesem Niveau zurückschießen”.

Man solle die Trolle stattdessen auf die Netiquette hinweisen und möglichst sachlich reagieren, so eine Dozentin, die Ironie ablehnt, da sie abwertet und zu Missverständnissen führen könne. Ihr Trick: “Trolle möglichst direkt mit Namen ansprechen. Haltung zeigen, klar machen, dass hier für Gäste Regeln gelten” – wie bei einem Hausrecht eben. Eine Studentin verweist auf einen von der Communication Research publizierten Aufsatz, der die Wirkung der unterschiedlichen Moderationsstile behandelt. Das interessante Ergebnis: Ironische und sarkastische Antworten auf Hasskommentare sind zwar unterhaltsamer, schaden jedoch der Glaubwürdigkeit der Medienmarke.

Vertrauenskrise – und nun?

Es ist verständlich, dass sich Mediennutzer bei der Unübersichtlichkeit der Medien fragen, welche Informationen denn nun der Wahrheit entsprechen und welche nicht. Das Problem stellt auch die Akteure im Mediensektor vor eine zentrale Herausforderung: Dem Misstrauen.

Mit diesem Problem war auch die Redaktion des dänischen Nachrichtenchefs Ulrik Haagerup konfrontiert. Er hatte daraufhin die Arbeitsweise seiner Redaktion radikal verändert – heute genießt sie die höchste Glaubwürdigkeit im Land. Haagerups Redaktion setzt ihre Priorität nun auf Selbstkritik, Ausgewogenheit und einen konstruktiven, lösungsorientierten Journalismus. Haagerups Erkenntnis: „Wenn die Zuschauer nicht zufrieden sind, dann liegt es wahrscheinlich nicht an ihnen, sondern an dir.” Sollte sich Deutschland eine Scheibe davon abschneiden?

Unterschiedliche Studienergebnissse

Deutsche Nachrichtenmedien haben sich das Vertrauen verspielt – wenn es nach Medienwisschenschaftler Matthias Kohring geht, liegt das an der zu großen Nähe der edien zur Politik. Auch Journalistikprofessor Michael Haller spricht von „Übereinstimmungen der ‘Leitmedien’ mit der politischen Linie der Bundesregierung”, weshalb nach einer Studie des BR 60 Prozent der in Deutschland lebenden Personen an der Unabhängigkeit der Medien zweifeln. Gleichzeitig aber genießen die Nachrichtenmedien eine relativ hohe Glaubwürdigkeit – an der Spitze stehen hier die Öffentlich-rechtlichen mit 75 Prozent und die Tageszeitungen mit 73 Prozent. Wie sich das Paradoxon begründen lässt? Nicht nur wir, sondern auch die Studien sind sich uneinig. Für Michael Haller sind die Ergebnisse ein Ausdruck der Ratlosigkeit vieler Menschen, die durch die widersprüchlichen Inhalte der Informationsflut irritiert sind.

 

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