Leitfaden für Redaktionen: Einführung einer App

von Martin Krauß und Anna-Lena Noureldin

Apps werden immer wichtiger – gerade im Journalismus. Die Auflagenzahlen der Zeitungen sinken, die Leser weichen auf andere Angebote aus. Verlage können den Verlust durch Onlineangebote nicht ausreichend kompensieren. Eine App könnte das Geschäftsmodell der Zukunft sein.

Sie wollen eine App für Ihr bestehendes Medium entwickeln? Dieser Leitfaden zeigt, was Sie von der Entwicklung bis zum Launch einer App beachten sollten.

Die vier Schritte zur App
Die vier Schritte zur App | Grafik: Anna-Lena Noureldin

Konzept

Bevor Sie Ihre erste App in einem Store veröffentlichen, müssen Sie sich viele Fragen stellen. Halten Sie die getroffenen und abgesprochenen Entscheidungen fest. Am Besten nehmen Sie sich einen Zettel und Stift zur Hand und beantworten folgende Fragen:

Konzept

Zielsetzung

  • Was ist Ihr Ziel?
  • Welche Zielgruppe sprechen Sie damit an?
  • Soll die App ein Dossier werden oder soll regelmäßig eine Ausgabe erscheinen?

Mehrwert

  • Welchen Mehrwert soll die App Ihren Kunden bieten?
  • Was soll das Alleinstellungsmerkmal der App sein?

Budget

  • Sollen die Ausgaben der App kostenpflichtig sein?
  • Wie viel Budget steht Ihnen für die App-Entwicklung und den laufenden Betrieb zur Verfügung?

Diese Antworten sind maßgeblich für die Entwicklung einer App. Ohne eine Konzeptidee sollten Sie die weiteren Entscheidungen nicht treffen. Auch das Budget spielt eine zentrale Rolle.

Informationen

Konkurrenzanalyse

Analysieren Sie nicht nur die journalistische Konkurrenz auf dem Markt, sondern schauen Sie über den Tellerrand hinaus und suchen Sie auch nach anderen Apps. Machen Sie sich ein Bild davon, was das Medium ermöglicht und Sie Ihren Kunden vielleicht auch anbieten möchten. Notieren Sie sich, welche Umsetzungen und Funktionen Sie angesprochen haben.

Zwei Tipps:
Wagen Sie einen Blick auf den amerikanischen und asiatischen Markt und nutzen Sie für die Konkurrenzanalyse verschiedene Endgeräte.

Rahmenbedingungen

Beachten Sie die Schranken, die Ihnen die Anbieter der verschiedenen Betriebssysteme setzen. Ist eine freie Preisgestaltung möglich? Lassen Sie die Rahmenbedingungen von der Rechtsabteilung prüfen und passen Sie bei Bedarf Ihre Lizenzrechte für Bilder und Texte an.

Aber auch dInformationenie Endgeräte, die unterschiedliche Displaygrößen und Betriebssystemversionen aufweisen, zählen zu den Rahmenbedingungen. Beachten Sie: Einzelne Publishing-Lösungen, die Sie bei der Erstellung der Inhalte unterstützen, können Gerätetypen und Software-Versionen ausschließen.

Plattform

Sie haben sich nun mit den verschiedenen Betriebssystemen (iOS, Android, Windows, … ) auseinandergesetzt. Wollen Sie auf allen vertreten sein? Oder soll eine Plattform für den Start reichen? Ein Blick auf die aktuellen Verkaufszahlen der Geräte von iOS und Android, aber auch von Windows, sollte Sie bei Ihrer Entscheidung begleiten.

Es gibt verschiedene Publishing-Lösungen, mit denen Sie Ihre App umsetzen können. Prüfen Sie, welche Lösung auf Ihre Wünsche am Besten zugeschnitten ist. Achten Sie darauf, dass Standardlösungen eventuell nicht mit allen Software-Versionen und Gerätetypen kompatibel sind.

Hinweis:
Möchten Sie lediglich eine App anbieten, die eine PDF-Kopie des bestehenden Print-Layouts darstellt, sind die weiteren Punkte dieses Leitfadens für Sie irrelevant.

Binnenwelt

Software-Anpassung

Niemand kennt die Redaktionssoftwares Ihres Verlags besser als Sie und Ihr Team. Überlegen Sie gemeinsam, welche Programme in Ihrem Haus für die Text-, Bild-, Grafik- und Videoproduktion eingesetzt werden. Gibt es eine Publishing-Lösung einer externen Agentur oder eines Anbieters, die sich mit Ihren Redaktionssoftwares vereinen lässt? Natürlich besteht auch die Möglichkeit, eine eigene Lösung zu programmieren.

Zwei Tipps:
Sie können Zeit sparen, wenn die Publishing-Lösung eine Automatisierung einzelner Arbeitsschritte zulässt. Achten Sie bei der Auswahl der Publishing-Lösung darauf, dass sich diese stets an neue Entwicklungen anpassen lässt.

Bedenken Sie, dass die Publishing-Lösung für die Sie sich entscheiden im Einklang mit Ihrem Redaktionssystem stehen sollte. Doch bevor Sie sich Gedanken über die Redaktionsstrukturen und die Mitarbeiter machen: Erfüllt die Publishing-Lösung Ihre Anforderungen an das gewünschte Konzept?

Redaktionsstrukturen und Mitarbeiter

Mit einer neuen App entsteht ein neues Ressort im Haus. Dieses benötigt Personal und eine Eingliederung in die Redaktionsstrukturen des bestehenden Mediums. Auch ein Ablaufplan für die Produktion der Inhalte muss bald erstellt werden. Für die neuen Herausforderungen benötigen Sie mindestens einen koordinierenden Redakteur. Er hält den Kontakt zur Chefredaktion.

Zu seinem Aufgabenbereich gehört zudem die Kommunikation mit internen und externen Mitarbeitern sowie Partnern. Mit Letzteren sind nicht nur Anzeigenkunden gemeint, sondern auch Agenturen, die – je nach Publishing-Lösung – die Produktion der App oder von einzelnen Inhalten übernehmen.

Hier entscheidet Ihr Konzept, ob Sie diesem Ressort zusätzliches Personal zuordnen möchten. Setzen Sie auf Inhalte, wie Videos oder interaktive Elemente, benötigen Sie mehr Personal. Die Anzahl der Mitarbeiter variiert mit der Anzahl an Zusatzelementen, die Sie sich für Ihre App wünschen.Binnenwelt

Ein Muss sind neue Produktionsabläufe für das Ressort, aber auch an die Redaktionsstrukturen der bestehenden Ressorts muss angeknüpft werden. Eine Abstimmung über aktuelle Inhalte und mögliche Zusatzelemente mit den Ressortleitern ist notwendig.

Sie merken schon: Das neue Ressort ist kein Ufo, sondern es ist ein Gemeinschaftsprojekt.

Gemeinschaft und Synergien

Sie haben Redakteure, Sie haben Grafik-Spezialisten, Sie haben Juristen, Sie haben Fachleute aus der IT und dem Marketing – bauen Sie auf Ihre Mitarbeiter. Binden Sie diese in den Entwicklungsprozess der App mit ein. Machen Sie die App zu einem Gemeinschaftsprodukt.

Nutzen Sie aber auch die Kompetenz in Ihrem Haus: Lassen Sie Ihre Grafiker nicht nur für das gedruckte, sondern auch für das digitale Medium produzieren. Fragen Sie bei Ihren Fotografen nach weiteren Bildern für eine Fotostrecke. Ein Bericht für das Print-Produkt ist fertig. Es gibt aber noch weiteres Material? Nutzen Sie es für die App.

Die Kollegen von der Online-Redaktion können zudem Impulse geben, wie die Inhalte in der App durch interaktive Elemente ergänzt werden können. Bauen Sie auf das Know-how aus dem Online-Journalismus und nutzen Sie Ihr Online-Angebot, um auf Ihre App aufmerksam zu machen.

Fördern Sie eine aktive Kommunikationskultur in Ihrem Medienunternehmen. Die Ideen Ihrer Mitarbeiter sind das Kapital Ihrer App.

Umsetzung

Probieren

Seien Sie kreativ. Was hat Sie bei Ihrer Konkurrenzanalyse begeistert, wie lässt sich das umsetzen? Probieren Sie aus! Wie lassen sich Geschichten auf dem neuen Medium erzählen? Nicht alles funktioniert auf Anhieb. Beginnen Sie deshalb mit einer Vorproduktion. Testen Sie den Redaktionsalltag und die App mit Dummys, bevor Sie auf den Markt gehen. Bekanntlich lernt man aus seinen Fehlern.

Networken

Sie arbeiten in einem großen Medienunternehmen und andere Marken des Hauses haben bereits eine App? Dann setzen Sie sich mit den Verantwortlichen in Verbindung. Diese können Ihnen wichtige Tipps geben. Nicht nur für den Start der App, sondern auch für die Anpassung der Redaktionsstrukturen.

Networking ist aber auch national oder international angesagt. Hier bieten sich soziale Netzwerke an. Auf Kongressen sind Apps im Journalismus ebenfalls ein Thema. Hier können Sie persönlich wichtige Kontakte knüpfen, die Ihnen beim Weiterentwickeln der App helfen können. Bauen Sie sich ein Netzwerk auf!

UmsetzungWeiterentwickeln

Durch neue Endgeräte oder Updates der Betriebssysteme müssen Sie Ihre App ständig anpassen. Sie sollten eine regelmäßige Feedbackrunde mit allen betroffenen Ressorts und Abteilungen einrichten. So können neue Entscheidungen für die App getroffen werden. Lassen Sie Ihre App auch testen: Erfahren Sie, was Ihre Nutzer denken und geben Sie nicht auf.

Entwickeln Sie die App weiter!

2 Kommentare

  1. Mir fehlt hier ganz klar die Nutzerorientierung. Woher weiß ich, dass meine App genutzt wird, bevor ich nicht mit potentiellen Nutzern gesprochen habe? Bevor es also an die Umsetzung der App geht und dafür Ressourcen wie Geld, Arbeitskraft und Zeit aufgewendet werden müssen, sollte sichergestellt sein, dass sich mein Produkt auf dem Markt etablieren kann. Das kann man zum Beispiel herausfinden, indem man zunächst Mockups der App produziert und diese auf der Straße von potentiellen Nutzern ausprobieren lässt.
    Außerdem gibt es vonseiten der Probanden oftmals noch Input, die geplante App zu verbessern.

    1. Vielen Dank für deinen Hinweis auf die Nutzerorientierung. „Welche Zielgruppe sprechen Sie damit an?“, ist ja von uns als eine zentrale Frage zu Beginn der App-Entwicklung benannt worden. Das es wichtig ist, die App vor dem Launch zu testen, haben wir unter dem Punkt „Probieren“ im Abschnitt „Umsetzung“ ja beschrieben. Was du im Zusammenhang mit den „Mockups der App“ nennst, sehe ich persönlich als eine frühe Phase in der Dummy-Produktion. Hier geht es ja darum auszuprobieren, was geht und natürlich auch, was ankommt. Ein Weg das herauszufinden könnte für letzteres dann eine Straßenumfrage sein.

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