Über EU-Mythen, Fake News in Europa und aufgeblasene Administration: Sandra Fiene zu Gast im Kolloquium

“Was bedeutet Europa für Sie?” Mit dieser Frage begann vergangene Woche unser Kolloquium, bei dem Sandra Fiene, Pressesprecherin der EU-Kommission in Bonn, zu Gast war. Heimatgefühl, gleiche Wertvorstellungen, European Roaming und offene Grenzen fallen uns ein, wie dankbar wir für das einfache Aus- und Einreisen in die europäischen Mitgliedsstaaten sind, für das Sicherheitsgefühl, das uns überall in Europa umgibt, und für die gleiche Währung. Die vier Freiheiten von Menschen, Waren, Kapital und Dienstleistungen bewerten wir scheinbar ausnahmslos positiv. Im Gegensatz zu manch anderer Generation sieht ein großer Teil von uns Europa mehr als Wertegemeinschaft denn als Wirtschaftsbündnis – ist vielleicht genau das die Taktik der Kommunikationsarbeit, diese Werte zu vermitteln, und bei uns ist sie besonders gut aufgegangen? Möglich.

Aber was ist mit der Kritik an Europa? Sandra Fiene versucht dem Vorwurf der “aufgeblasenen Administration” mit Zahlen entgegenzuwirken: 50.000 Mitarbeiter hat die EU, allein die Stadt Köln hat 40.000. In der EU aber leben 505.000.000 Menschen, in Köln sind es 1,047 Millionen. Gemessen an den Einwohnerzahlen hinkt der Vergleich also offensichtlich – und hinsichtlich einer dermaßen großen, vielschichtigen Bevölkerung mit so vielen verschiedenen Hintergründen, Bedürfnissen und Ressourcen wird es eben schwierig, es immer allen recht zu machen.

Dabei helfen sollen Eurobarometer und alle weiteren Erhebungen vom statistischen Amt der EU, Eurostat, für die pro Mitgliedsstaat 1.000 Einwohner befragt werden – und die nicht nur für politische Entscheidungen, sondern auch für die Erfassung eines europaweiten Stimmungsbildes als Recherchegrundlage gute Quellen sein können. Und die uns sagen, dass sich derzeit ganze 68% der europäischen Bevölkerung auch als “europäische Bürger” verstehen – das höchste Level, dass das Eurobarometer je erreicht hat wenn es darum geht, wie sehr sich die Europäer mit Europa identifizieren. Warum vernehmen wir medial dann trotzdem so viel Europa-Verdruss?

Sandra Fiene erklärt sich das unter anderem durch schlechte Recherche und faule Journalisten. Fast schon verständlich angesichts des unübersichtlichen Institutionendschungels, den die EU nun mal darstellt. Als Pressesprecherin sieht es Fiene deshalb als ihre Aufgabe, Journalisten durch diesen Dschungel hindurch zu lotsen – auch um zu verhindern, dass weiterhin so viele “EU Mythen” im Umlauf sind, erklärt sie uns. Das Problem sei ja nicht nur, dass selbst renommierte Medien häufig die Institutionen rund um Europa verwechselten – wie zuletzt “Hart aber Fair” am 5. November, als der Europarat zum Teil der EU gemacht wurde, oder im Sommer Spiegel Online, als der Europäische Menschenrechtsgerichthof mit dem EuGH gleichgesetzt wurde. Sondern auch die vielen verfälschten Informationen über Entscheidungen und Richtlinien der EU, die in den Medien kursieren. Fast schon amüsant, was Fiene uns von Kuchenbasaren und Hirschen erzählt, die spätestens im Sommerloch regelmäßig neu thematisiert werden – wer mehr wissen will, findet hier und hier Aufklärung. Was hilft sind Rebuttals und Factsheets. Und der Appell an zukünftige Medienschaffende, sorgfältig zu arbeiten.

Auch spannend: Die Arbeit von EU vs Disinfo, einer zehnköpfigen Gruppe, die ganz gezielt gegen Fake News aus Russland vorgeht.

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