In der Wildnis brauchst du Haltung

Es ist der 15. Mai 2014, 10 Uhr. Vor genau einer Woche begann der letzte Tag der re:publica 2014. Eine Woche danach frage ich mich: Was blieb von der Konferenz mit dem Moto „Into the wild“ hängen?  Einfach ist es nicht, aber es ist Haltung. Ein persönlicher Rückblick von Martin Krauß.

Re:publica 2014: Into the Wild

Die re:publica 2014 lud die Besucher zu einem Trip in die Wildnis ein. | Foto: Martin Krauß

Es begann zwar nicht mit ihm, dennoch gab Sascha Lobo mit seiner „Rede zur Lage der Nation“ am späten Nachmittag des ersten Konferenztags deutlich die Richtung vor. Statt Meinung ist Haltung gefragt. Dieser Eindruck zog sich wie ein roter Faden durch die drei Konferenztage. Bevor ich jedoch auf die Haltung im Journalismus und in den Medien eingehe, sei mir der Exkurs zu Sascha Lobo und der Netzpolitik gestattet.

Exkurs: Kaputtes Internet

Lobo machte seine Haltung in seiner Rede sehr deutlich. Er forderte ein Reframing; seine Zuhörer sollen neue Begriffe für den NSA-Skandal nutzen. Begriffe, wie „Spähradikale“, „Kontrollsucht“, „Spähfanatismus“ und „Sicherheitsesotherik“ seien angebracht. „Lass sie uns brandmarken, denn was sie tun ist falsch“, ruft er dem Publikum zu und fordert seine Zuhörer zum „Kampf für die freie, offene und sichere Gesellschaft“ auf.


Ausschnitt von re:publica 2014 – Sascha Lobo: Rede zur Lage der Nation (Start bei 52min6s, Ende bei 55min30s) | Lizenz: CC BY-SA 3.0 DE

Ob Lobo bei seiner Rede selbst die richtige Haltung getroffen hat, darüber lässt sich diskutieren. Lobo betrieb nämlich auch Fundraising für die Digitale Gesellschaft und Netzpolitik.org. „Ihr habt versagt, was die finanzielle Unterstützung der Vereine betrifft“, warf Lobo der Netzgemeinde vor.  Diese würden Spenden benötigen, denn: „Wie ihr wisst, ist das Internet im Moment kaputt.“ Lobos Rede kam beispielsweise bei Dennis Horn vom WDR allerdings so an, „als würde mir der Pfarrer auf die Finger klopfen, weil ich gesündigt habe – und gleich darauf den Klingelbeutel für Spenden“ herumgeben. Das wiederum ist suboptimal fürs Fundraising.

Wer jedoch statt Geld seine Arbeitskraft im Bereich Netzpolitik spenden will, hat ein Problem. Markus Beckedahl von Netzpolitik.org sagte in einer Session am Morgen nach Lobo, es gäbe eine Reihe von Freiwilligen, die sich für Netzpolitik engagieren wollen, aber: „Wir kriegen die nicht gemanagt.“ Es sei zu wenig Personal dafür vorhanden. Auf mich wirkte das merkwürdig: Geld für Netzpolitik wird gerne genommen, Manpower scheint aber eher problematisch zu sein.  Aber ja, auch widersprüchlich kann eine Haltung sein. Exkurs Ende.

Haltung, das ist auch im Journalismus angesagt

Im Bereich Media ist Haltung gefragt, wenn es um das Selbstverständnis von hyperlokalen Medienangeboten geht. Blog? Online-Zeitung? Medienangebot? Ein Zuschauer spitzte die Diskussion zu und fragte, ob hyperlokale Medien sich eher als freiwillige Feuerwehr (Ehrenamt) oder Berufsfeuerwehr (Job) sehen.

Wer im hyperlokalen Raum Geldverdienen möchte, wählte die Berufsfeuerwehr und unterstrich damit seinen professionellen Anspruch und seine Haltung.  Einig war sich die Runde „Into the Kiez: Gefahrengebiet Lokaljournalismus“ bei der Haltung gegenüber Lokalzeitungen. Wer solche hyperlokale Angebote starte, solle nicht den Fehler machen und Lokaljournalismus so umsetzen, wie es Zeitungen machen.

Kühnheit, Aufrichtigkeit und Freundlichkeit

Es anders machen, dafür plädiert auch der Schweizer Journalist Constantin Seibt. „Den Journalismus neu zu erfinden, das ist die Aufgabe unserer Generation“, erklärt er und bilanziert: Zeitungen setzen auf Meinung, statt auf Haltung. Meinungen gebe es viele, sie seien „eine extrem billige Ware“. Haltung sei dagegen kein Zustand, sondern ein Prozess – was es teuer mache.


Ausschnitt von re:publica 2014 – Constantin Seibt: Journalismus. Nur besser. (Start bei 14min58s, Ende bei 19min20s) | Lizenz: CC BY-SA 3.0 DE

Zur Haltung gehören für Seibt auch Kühnheit, Aufrichtigkeit und Freundlichkeit.  Ein kühner Artikel könne die Liebe zu einem Medium schaffen. Aufrichtigkeit sei Teil der Recherche:

„Ein Profi recherchiert eigentlich immer in zwei Richtung: nach außen, was die Fakten sind und nach innen ins eigene Herz, was die Fakten eigentlich bedeuten.“

Freundlichkeit sieht Seibt als Gegenbewegung zur Empörung. Allein Freundlichkeit könne schon eine Haltung sein: „Gelassenheit – bei kleinen Dingen, die schief gehen, da sollte man großzügig sein.“ Mit dem Medium Zeitung und den Buchaltern der Verlage ist Seibt jedoch nicht freundlich. “Das Grau in der Zeitung ist nicht irgendein Grau, sondern ein sorgfältig mit viel Erfahrung aus verschiedenen Farben zusammengemischtes”, so der Schweizer. Aus seiner Perspektive heraus würde sich auch in Zeitungsredaktionen nichts ändern, wenn man zwanzig Journalisten erschießen würde.

Ist Haltung bei Journalisten eigentlich erlaubt?

Lorenz Lorenz-Meyer widmete sich dieser Frage in seiner Session „Der Journalismus und die guten Sachen„. Er hinterfragte ein Zitat, das Hanns Joachim Friedrichs zugeschrieben wird:

„Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.“
(Hanns Joachim Friedrichs)

Es gebe eine Reihe von Themen, bei denen sich ein anwaltschaftlicher Journalismus lohne, sagt Lorenz-Meyer. Dazu zählt er eine zeitkritische Betrachtung des Klimawandels, die Aushebelung demokratischer Spielräume durch internationale Abkommen, den Überwachungsstaat (NSA/GHCQ/BND) und den Finanzkapitalismus mit der Arm-Reich-Schere.

Lorenz-Meyer sieht den anwaltschaftlichen Journalismus nicht als die große Bedrohung des Journalismus. Vielmehr seien die Gefahren „Käuflichkeit“, „Opportunismus“ und auch „Trägheit“.

„Solange bei Journalisten die Unabhängigkeit des Urteils gewährleistet ist, spricht nichts gegen klare Werte und Engagement“, lautet Lorenz-Meyers Fazit. Aber er räumt ein, wenn jeder Journalismus anwaltschaftlich wäre, wäre es fatal.

Wenn Haltung zur Veränderung führt

Zum Abschluss möchte ich noch auf die aus meiner Sicht besten Session verweisen. Lara Setrakian sprach in der Session über „Redesigning News, Deeply„. Setrakian stieg aus ihrem Job bei ABC News aus (also beim Fernsehen) und entwickelte das Portal Syria Deeply. Das seien keine hyperlocal, sondern „hypertopical News„. In den USA seien viele Auslandsbüros von Zeitungen und Medienkonzernen seit 1998 geschlossen worden, Auslandsreporter wurden entlassen und dadurch sei der Umfang der Auslandsberichterstattung markant zurückgegangen.

Was hat das mit Haltung zu tun? Bei Syria Deeply geht es den Machern darum, die Informationen den Menschen zugänglich zu machen. Das Portal ist laut Setrakian erfolgreich und es gebe bereits Anfragen für weitere „hyptertopical News“-Webseiten. Statt jetzt rasant zu wachsen, will Setrakian und ihr Team es jedoch langsam angehen lassen. „Slow Startup ist what we’re doing“, sagt Setrakian. Sie grenzt sich damit von Startups ab, die schnell wachsen wollen, schnell wertvoll werden wollen, um dann schnell aufgekauft zu werden.

Ausschnitt von re:publica 2014 – Lara Setrakian: Redesigning News, Deeply (Start bei 16min48s, Ende bei 19min) | Lizenz: CC BY-SA 3.0 DE

Vielleicht ist es ein Zeichen, dass nach „Syria Deeply“ nun „Arctic Deeply“ kommen soll. Setrakian und ihr Team praktizieren jedenfalls das, was in meinem Streifzug durch die re:publica bisher nur theoretisch beschrieben wurde. Sie haben eine Haltung gefunden und machen diese zum Geschäftsmodell.

Lesetipps zur re:publica 2014:

2 Antworten

  1. Was ich meinte ist, dass Freiwilligenmanagement viel Zeit erfordert, was auch damit zu tun hat, dass man viel individuell kommuniziert und Freiwillige z.B. auch mal keine Zeit haben, nicht reagieren, etc. Wenn wir mit unseren 2,2 Personen bei netzpolitik.org nur alle Angebote für Mitarbeit so betreuen würden, wie wir es gerne machen würden, kämen wir gar nicht mehr zur Recherche und zum Schreiben. Und es wäre unklar, ob das dann zu mehr Output führen würde. Eher nicht, sonst würden wir das so machen.

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