Greenwalds „wir“ und das journalistische Ich

Er hat es wieder getan – Glenn Greenwald sprach von „wir“. In einer Diskussion mit ZEIT-online-Chef Jochen Wegner in Hamburg erklärte er, was „wir“ gegen die Überwachung durch die NSA tun können. Bereits vor einigen Monaten hatte dieses kleine Wörtchen eine mittelgroße Diskussion darüber ausgelöst, wo die Grenze zwischen Aktivismus und Journalismus verläuft. Seitdem diskutieren Journalisten landauf und landab, in welcher Rolle sie sich selbst sehen oder gerne sehen möchten.

Die Geschichte begann – zumindest in Deutschland – mit Greenwalds Auftritt beim Jahrestreffen des Chaos Computer Clubs im Dezember 2013. Zu dieser Gelegenheit war der ehemalige Guardian-Redakteur und Jurist, der gemeinsam mit Edward Snowden und Linda Poitras den NSA-Skandal aufdeckte, nicht persönlich in Hamburg anwesend, sondern per Video zugeschaltet. Er kritisierte die Regierung und die Medien in den USA scharf und sparte dabei nicht mit dem berühmten „wir“ – auf diese Weise habe er sich mit der Aktivistenszene gemein gemacht, meinten zumindest die beiden ZEIT-Redakteure Kai Biermann und Patrick Beuth. Die vielfältigen Kommentare, die folgten, hat Eugen Epp im Magazin message zusammengefasst.

Natürlich geht es weniger darum, ob Glenn Greenwald selbst die Lager gewechselt hat oder nicht. Journalisten in Deutschland fragen sich nun selbst, wie viel Engagement für eine Sache sein darf, damit man das Ideal der unabhängigen Presse nicht verfehlt. Die Debatte um die richtige Haltung trieb auch viele Teilnehmer der diesjährigen republica um. Es ist interessant, wie jeder auf seine eigene Art sorgfältig zwischen Meinung, Unterstützung und Rechtsbewusstsein einerseits und Polemik, Lobbyarbeit und Voreingenommenheit andererseits unterscheidet. Liest man in einer Studie zum Thema „Journalismus in Deutschland“ von Siegfried Weischenberg, Maja Malik und Armin Scholl nach, ist der Eindruck ein etwas anderer.

Greenwald beim CCC

Glenn Greenwalds Rede beim Jahrestreffen des Chaos Computer Clubs 2013 (Bild: mIcastle/flickr.com, CC BY-SA 2.0)

Wie Journalisten sich selbst sehen

Die Studie stammt aus dem Jahr 2005. Es ist die zweite Untersuchung über Journalisten in Deutschland, bereits Anfang der 90er wurden erstmals repräsentative Daten über das Berufsfeld erhoben. Neuere Zahlen aus den vergangenen Jahren gibt es leider nicht. Telefonisch wurden rund 1500 Journalisten aus allen Mediensparten gefragt, welches Rollenselbstverständnis Journalisten haben und wie es sich in den Medien umsetzen lässt. Den Befragten wurden fünfzehn verschiedene Aussagen zu diesem Thema vorgestellt, sie mussten dann angeben, in welchem Maß diese auf sie zutreffen. Anschließend beurteilten die Journalisten die genannten Selbstbilder in Bezug auf ihren Arbeitsalltag.

Das Ergebnis: Gut 90 Prozent der befragten Journalisten gaben an, dass sie ihr Publikum neutral und präzise informieren möchten. Mehr als drei Viertel der Befragten (79,4 Prozent) beabsichtigen nach eigenen Angaben, komplexe Sachverhalte zu erklären und zu vermitteln. Fast genauso viele (74,1 Prozent) wollen das Publikum möglichst schnell informieren, außerdem versuchen sie, die Realität genauso abzubilden, wie sie ist (73,8 Prozent). Gefragt wurde auch, ob die oben genannten Absichten sich im redaktionellen Alltag umsetzen lassen. Wiederum drei Viertel der Journalisten bejahten, dass sie Informationen präzise, schnell und neutral verbreiten sowie komplexe Themen erklären können. Etwas skeptischer sind sie, wenn es darum geht, die Realität genau abzubilden, dies können angeblich nur zwei Drittel der Befragten realisieren.

Mehr als die Hälfte der Journalisten in der Studie unterstreichen die Kritikfunktion des Journalismus. Jedoch strebt nur eine Minderheit eine aktive Beeinflussung der politischen Agenda an. Gleichzeitig bemängeln sie den gesunkenen Zeitaufwand für Recherche. Für technische und organisatorische Aufgaben wird hingegen mehr Zeit aufgewendet.

In Bezug auf die journalistische Ethik reagieren Journalisten eher zurückhaltend auf problematische Vorgehensweisen bei der Recherche. Jeder Vierte (25,4 Prozent) hält die ungenehmigte Benutzung von Regierungsunterlagen für vertretbar. Doch nur jeder Neunte würde sich als Mitarbeiter in einem Betrieb oder in einer Organisation betätigen, um an interne Informationen zu gelangen. Zu Recherchevorgehen äußern sich die Befragten nicht eindeutig, sie halten diese Methoden häufig für teilweise vertretbar, machen es jedoch von der Situation abhängig. Insgesamt präsentiert sich das journalistische Berufsfeld weiterhin als stabil. Zwar habe der Journalismus die Folgen der Digitalisierung und der Wirtschaftskrise im Mediensektor deutlich zu spüren bekommen, aber deshalb sei er nicht völlig konturlos geworden.

Was journalistische Haltung heute heißen kann

Würden die Befragten heute genauso antworten? So viel über Greenwalds Auftritte diskutiert wurde, die Veröffentlichung der NSA-Dokumente würde wohl kaum ein deutscher Journalist wieder rückgängig machen wollen, viele kritisieren darüber hinaus das Einreiseverbot der Regierung für Edward Snowden. Und wo sich Enthüllungsjournalisten wie Urgestein Günther Wallraff einordnen lassen, der RTL-Redakteure bei Burger King einschleust, ist nochmals eine Angelegenheit für sich (eine kleine Chronologie zum Aktivisten-Journalisten-Verhältnis stellte Wolfgang Michal auf carta zusammen).

Nachdem wir in unserem Studiengang die verschiedenen Ansichten abgewogen haben, möchten es die meisten von uns mit dem Martin Hoffmann halten: In Zeiten der vielen Initiativen, Protestbewegungen und NGOs sollten Journalisten klarmachen, wofür sie einstehen, ohne dass es dabei um Gehälter und Lobbyarbeit gehen muss. Diese Transparenz ist besser zu vertreten als eine absolute Objektivität, die schon deshalb nicht erreichbar ist, weil man sich nicht von erlernten Wertvorstellungen befreien kann. Im Klartext: Die eigene Haltung sollte jeder Journalist für sich selbst hinterfragen. Daran muss nicht gerüttelt werden, wenn in Hamburg jemand „wir“ sagt.

von Lisa Leander und Naina Singh