Fakten? Ansichtssache!

Die Grenzen zwischen Wahrheit und Lüge verschwimmen. Was gestern noch unwirklich und falsch war, kursiert heute als scheinbar ernstzunehmende Nachricht durch die Medien – und wird für wahr befunden. Unser „postfaktischer“ Rückblick auf das Medienjahr 2016 zeigt, dass der Begriff im vergangenen Jahr eine steile Karriere hingelegt hat. Der krönende Abschluss: Die Wahl zum Wort des Jahres 2016.

von Lina Frank und Lisa-Marie Vogler

In diesen “postfaktischen Zeiten” wird geglaubt, worüber die Mehrheit redet und was sich für das eigene Empfinden richtig anfühlt. Das Problem dabei: Fake News werden viel leichter in den Medien verbreitet, ohne, dass sie überprüft werden und das nur, weil sie Menschen so gut in das eigene Weltbild passen. Fake News und das Postfaktum gehen Hand in Hand. Sie bedingen sich gegenseitig. Das Postfaktum ist ein gesellschaftlicher Zustand, bei dem Fakten irrelevant sind und die eigene Wahrnehmung in den Vordergrund rückt. Man könnte also sagen, dass vielen Menschen egal ist, ob man mit korrekten Fakten oder Lügen hantiert, solange sie sich ins eigene Weltbild fügen.

Im vergangenen Medienjahr konnte man Szenen wie aus der Sage „Der Rattenfänger von Hameln“ beobachten: Populisten, Rechts- und Linksextremisten, Hetzer und Verschwörungstheoretiker rannten mit ihren postfaktischen Flöten durch die Gegend und schafften es, Leute zu mobilisieren. Sie nutzten die Angst, die Wut und den Ärger aus Teilen der Bevölkerung, um Stimmung gegen die „Elite“, also gegen etablierte Politiker oder Journalisten zu machen, um ihre Anhängerzahl zu vergrößern und um Wahlerfolge einzustreichen.

Hat bei der US-Wahl und beim Brexit das Postfaktum gesiegt?

Die US-Wahl, der Brexit, die Erfolge der AfD – in jedem dieser Ereignisse wurden postfaktische Aussagen durch Fake News verbreitet. Am 1. März dieses Jahrs fand der „Super Tuesday“ statt – die erste Richtungsentscheidung in den Vorwahlen für die US-Präsidentschaftswahl. An keinem anderen Termin halten so viele Bundesstaaten gleichzeitig ihre Vorwahl ab. Zu diesem Zeitpunkt konnten sich Hilary Clinton und Donald Trump schon deutlich von ihren Kontrahenten absetzen. Es begann der erbitterte Wahlkampf der beiden Kandidaten und damit auch der postfaktische Kampf um Wählerstimmen. Amerikanische Fakten-Checker haben herausgefunden, dass ein Teil von Trumps im Wahlkampf getätigten Aussagen weitestgehend falsch waren. So behauptete er zum Beispiel, dass in den Innenstädten der USA die Kriminalität ein Rekordniveau erreicht hat. Fakt ist allerdings, dass die Verbrechensrate seit Jahren zurückgängig ist. Während der Fernsehdebatten diskutierten die Kandidaten dann nicht etwa darüber, mit welchen politischen Strategien sie vorgehen möchten, sie debattierten darüber, wer die Wahrheit sagt und wer nicht. Zahltag war der 8. November. Der Tag, an dem Donald Trump zum 45. Präsidenten der United States gewählt wurde. Ein Sieg des Postfaktums?

Auch der Abstimmung über den Austritt Großbritanniens aus der EU stand in diesem Jahr unter einem postfaktischen Stern. Mit zum Teil gezielten Fehlinformationen schürten die Befürworter des Austritts den Unmut in der Bevölkerung. In der „Leave“-Kampagne der Brexit-Befürworter wurde auf großen Bussen damit geworben, dass jede Woche 350 Millionen Pfund an die EU gezahlt werden. Die Befürworter der „Leave“-Kampagne wollten sich dafür einsetzen, dass dieses Geld zukünftig in das Gesundheitssystem einfließt.

Das 350-Millionen-Pfund-Argument stellte sich als falsch heraus, denn schon 1984 wurde die Zahlung auf 250 Millionen Pfund ausgehandelt und zieht man noch die Milliarden ab, die jährlich auf die Insel fließen, kommt man auf 110 Millionen Pfund wöchentlich. Das ist immer noch nicht wenig, aber dennoch nicht die Horrorsumme, mit der die Brexit-Befürworter geworben haben. Die von Hugo Dixon gegründete proeuropäische Organisation “InFacts“ deckte im Juli 2016 die 350-Millionen-Pfund-Lüge auf – womöglich zu spät. Denn am 23. Juni 2016 stimmte die Bevölkerung Großbritanniens mehrheitlich für den Brexit.

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Die Grenzen zwischen Wahrheit und Lüge verschwimmen

Die Zahl der Falschmeldungen nimmt immer weiter zu. Und wie wir an den vorangegangenen Beispielen sehen konnten, werden sie auch gezielt zur Stimmungsmache eingesetzt. Doch wie kann man Fake News als Laie schnell entlarven? Wichtiger noch, wie können es Journalisten tun? Auch ihnen fällt es zunehmend schwer, gezielte Fehlinformationen als solche zu erkennen. Die Grenzen zwischen Wahrheit und Lüge verschwimmen immer mehr. Vielleicht auch deshalb, weil die Grenzsteckung immer schwerer fällt, beispielsweise beim Unterschied zwischen unsauberer Berichterstattung und gezielten Fehlinformationen.

Die Frage, wie Journalisten mit Fake News umgehen sollten, ist nicht ganz leicht zu beantworten. Doch mithilfe unserer Kommilitonen und Dozenten haben wir Antworten gefunden.

Am wichtigsten ist, dass Journalisten mehr Fact-Checking betreiben und Recherche-Techniken in den Vordergrund stellen.

“In den letzten Jahren sind die Fact-Checking- und Verifizierungsbereiche bei den großen Medien ausgedünnt worden. Journalisten brauchen Zeit und das richtige Know-How, um die Glaubwürdigkeit von Informationen zu prüfen. Dabei ist das Prüfen der Glaubwürdigkeit von Informationen in Social Media ein großes Thema.” (Dozent Thorsten Schäfer)

“Der Journalismus alleine ist aber nicht stark genug. Fact-Checking-Organisationen, die gemeinnützig tätig sind, können Journalisten bei diesem Auftrag begleiten. Es sollte mehr Anlaufpunkte geben, die beim Fact-Checking helfen. Die gemeinnützige Organisation „Mimikama“ ist dafür ein gutes Beispiel. Die Idee, Fake News selbst melden zu können, ist schwierig, weil man auch News melden kann, die einem unliebsam sind. Genauso schwierig ist es, Facebook zu sagen: Hey, sperrt selbst!” (Dozent Thomas Pleil)

“Journalisten sollten sich nicht auf gemeinnützige Organisationen wie „Mimikama“ verlassen. Sie sollten dafür eigene Bereiche in den traditionellen Medien schaffen.”  (Studentin Julia Moor)

Quellen müssen für den Leser transparent sein

“Fact-Checking sollte für die Leser transparent sein. Es geht dabei nicht nur darum, die Quelle zu nennen, sondern auch, sie einzuordnen. Selbst, wenn man eine Quelle nicht vollständig nachprüfen kann, sollte das für den Leser mit einem Hinweis der Redaktion transparent gemacht werden. Im Zweifelsfall müssen die Zeitungen genau anmerken, wenn der Journalist keine Zeit hatte, die Fakten zu checken.” (Studentin Marina Speer)

Zusammenhänge müssen für den Leser leicht nachvollziehbar sein

“Besonders im Onlinebereich werden oft isolierte Beiträge veröffentlicht. Damit der Leser den gesamten Kontext versteht, sollten Beiträge rund um das jeweilige Thema leichter zugänglich gemacht werden. Beispielsweise, indem man Kontextgeschichten verlinkt und einbettet. Als Journalist sollte man mehr darauf achten, die Geschichten miteinander zu vernetzen und somit Glaubwürdigkeit zu erzeugen. Eine zentrale Rolle spielt dabei der Chef vom Dienst, der Beiträge auf der Seite platziert.” (Dozent Lorenz Lorenz-Meyer)

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Zahlen von Studien müssen mit Bedacht verwendet werden und nicht zu Schlagzeilen deformiert werden

“Beim Thema Flüchtlingswelle haben Boulevardmedien mit Studien um sich geworfen. Man sollte nicht jede Stiftung oder Studie übernehmen, ohne sie zu hinterfragen. Wie man Zahlen dabei verwendet, ist enorm wichtig. Stellt man sie falsch in den Vordergrund, ohne sie zu erläutern, können Fehlinformationen verbreitet werden.” (Student Jonas Rütten)

Fehlerhafte Berichterstattung und die Qualität von Quellen zu erkennen – auch als Leser – gehört zur Medienkompetenz

“Das Thema gehört in die Schulen und professionell in den Lehrplan. Medienkunde sollte ab der 4./5. Klasse unterrichtet werden.” (Dozentin Henriette Heidbrink)

“Es gibt allerdings keinen verbindlichen Lehrplan, denn Bildung ist Ländersache. Das ist ein Problem der deutschen Schul- und Bildungspolitik.” (Dozent Lorenz Lorenz-Meyer)

Was können wir aus 2016 lernen – und was können wir 2017 besser machen?

Wie können wir nach diesem postfaktischen Jahr ein Fazit ziehen? Aus unserer Diskussion mit Kommilitonen und Dozenten können wir festhalten, dass der Journalismus konsequent und entschlossen bleiben muss, den von Gefühlen geleiteten Fake News entgegenzuwirken. Mit dem Blick auf das Medienjahr 2017 sollten sich Medienmacher vornehmen, dem Fact-Checking wieder mehr Zeit zu widmen, um fehler- oder lückenhafte Berichterstattung von vornherein auszuschließen. Das letzte Wort geben wir an die WDR-Chefredakteurin Sonia Seymour Mikich, die in diesen “postfaktischen Zeiten” sehr wahre Worte findet: