Eine spannende Zumutung

Themenentwicklung, wo geht es hin in der Branche? Wir haben uns in der ersten Jahreshälfte mit dem Magazinsegment Sinn, Werte, Nachhaltigkeit und der Generation Y beschäftigt. Dazu zählte auch eine Shopping-Tour in einem lokalen Kiosk. Das eine oder andere Magazin, das wir dort im Regal gefunden haben, möchten wir hier vorstellen – zum Beispiel ein etwas anderes Gesellschaftsmagazin.

„Achtung: Es wird gleich schön und anstrengend. Politisch und traurig. Forsch, rechtlich fragwürdig, poetisch und eklig.“ Diese Worte prangen auf dem Sammelband, der Geschichten aus den ersten dreißig DUMMY-Ausgaben vereint. Mit ihnen lässt sich das Magazin wohl am besten beschreiben. DUMMY soll laut Verlag „eine Alternative zum Themen-Einerlei und dem Meinungs-Mainstream in vielen Medien“ bieten.

Im Sommer 2014 kam die 43. Ausgabe von DUMMY heraus, das Heft erscheint viermal im Jahr, hat etwa 116 Seiten und kostet 6 Euro. Gegründet wurde es 2003 von den Journalisten Oliver Gehrs, Heike Blümner und Jochen Förster. Gehrs, der zuvor bei taz, Süddeutsche Zeitung, Berliner Zeitung und Spiegel gearbeitet hatte, ist seit 2010 alleiniger Herausgeber. Chef der siebenköpfigen Redaktion ist Fabian Dietrich, er ging auf die Berliner Journalistenschule und war anschließend ebenfalls Redakteur der Süddeutschen Zeitung. Gemeinsam arbeiten sie an dem „unabhängigen Gesellschaftsmagazin“, denn DUMMY wird von einem eigenen Verlag herausgegeben, der unter anderem auch das Magazin fluter der Bundeszentrale für politische Bildung produziert. Solche Veröffentlichungen haben eine deutlich größere Auflage als DUMMY, von dem nach eigenen Angaben durchschnittlich 45.000 Exemplare verkauft werden. Das Magazin ist außerdem auf Facebook und Twitter vertreten, eine App oder eigens produzierte Online-Inhalte existieren dagegen nicht. Sitz von Verlag und Redaktion ist Berlin.

DUMMY soll vor allem eines sein: eine Zumutung. Herausgeber Gehrs positioniert sich bewusst gegen General-Interest- und „Wohlfühl“-Magazine, stattdessen werden ernste und zum Teil anstößige Themen aufgegriffen. Das Heft ist monothematisch, die Titel mancher Ausgaben sind allgemein gehalten wie „Freiheit“ und „Revolution“, andere dagegen erscheinen ungewöhnlich, zum Beispiel „Behinderte“, „Mama“ oder „Polizei“. Mit Heften wie „Schwarze“ oder „Juden“ versuchen die Macher bewusst zu provozieren, in Ausgabe Nummer Nr. 6 („Sex“) mussten sogar Abbildungen zensiert werden, bevor die Hefte am Kiosk verkauft werden durften.

Die Geschichten im Magazin beschreiben häufig menschliche Abgründe oder Milieus am Rande der Gesellschaft. Um solche problematischen Themen verkaufen zu können, setzt DUMMY auf zwei Dinge. Das eine ist der Faktor Überraschung – der Leser soll hinter dem Heftmotto ganz neue, interessante Facetten entdecken. Deswegen finden sich im Heft „Scheiße“ Artikel über einen Vertreiber von Dixie-Klos, Überdüngung mit Gülle in der Landwirtschaft und das Leben von Latrinenreinigern in Indien. Der zweite Erfolgsfaktor sind die gut geschriebenen, sorgfältig recherchierten Texte, die von ständig wechselnden Art-Direktoren in Szene gesetzt werden. Für beides wurde DUMMY mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Feste Rubriken hat das Heft nicht, die Artikel werden je nach Titelthema in Kapitel gegliedert. Dennoch gibt es wiederkehrende Elemente: eine ausführliche Vorstellung der Mitarbeiter der Ausgabe, groß aufgemachte Bildreportagen sowie kurze, persönliche Geschichten zwischen den längeren Artikeln.

Nach Umfragen aus dem eigenen Haus spricht das Magazin Leser aus allen Berufsgruppen und Gesellschaftsschichten an, Männer genauso wie Frauen. DUMMY-Leser seien eher jung, wohnten in der Großstadt und ließen sich dem Sinus-Milieu der Postmaterialisten zuordnen.

Für die Süddeutsche Zeitung ist DUMMY ein Heft für Liebhaber mit politischer Haltung, Gehrs spricht offen über die linkspolitische Ausrichtung von DUMMY. Die taz bezeichnet die Ziele des Magazins – nämlich der Gegenentwurf zum medialen Einheitsbrei zu sein – als sehr ehrgeizig, zuweilen sogar selbstgefällig. Dennoch überzeuge die Qualität der Geschichten. Der Kress Report stellte schon 2004 fest, dass sich DUMMY in die „Elite der deutschen Zeitschriften“ gekämpft habe. Dabei dürfte ein solcher Exklusiv-Status wohl zu den wenigen Dingen gehören, die dem Image des Magazins schaden könnten. DUMMY macht vielmehr den Eindruck, der kleine, unbequeme Rebell auf dem Zeitschriftenmarkt bleiben zu wollen.