Die Suche nach dem Sinn im Zeitschriftenregal

Ein wenig merkwürdig klang es schon, worüber wir in unserem Seminar Themenentwicklung vergangene Woche diskutiert haben: sinnhafte Magazine. Aber wie sonst kann man Zeitschriften nennen, die sich mit besserem Leben, Wirtschaften und Konsum beschäftigen? Thomas Friemel, Mitbegründer des Magazins enorm und Chefredakteur des herausgebenden Social Publish Verlags, gab uns in einem Gespräch eine Reihe von Einblicken in die „sinnvolle“ Sparte.

Titel enorm
Erstausgabe des Magazins emorn (Quelle: enorm Magazin)

Friemel war jahrelang Redakteur bei verschiedenen Tageszeitungen und Magazinen gewesen, als er beschloss, einen neuen Weg einzuschlagen. Den Anstoß gab ein Besuch bei der Vision Summit 2008, der internationalen Konferenz zu Social Business. Friemel fiel auf, dass es damals kein eigenes Magazin rund um soziales Wirtschaften gab. Dabei lagen für ihn genau dort die Werte, die er als Journalist weitergeben wollte. So kam er auf die Idee für enorm. Da die Szene bereits stark vernetzt war, entschied er sich nicht für ein Fachmagazin sondern für ein Mainstream-Format. Darin sollten auch verwandte Themen wie Corporate Social Responsibility oder ethischer Konsum diskutiert werden. Nachdem ein Investor gefunden war, erschien die Nuller-Ausgabe zur Vision Summit 2009, die Ausgabe eins folgte 2010. Mittlerweile erscheint enorm sechsmal im Jahr, die Redaktion wurde bereits vom Berufsverband Freischreiber als fairste Redaktion Deutschlands ausgezeichnet.

Thomas Friemel
Thomas Friemel, Chefredakteur Social Publish Verlag (Quelle: enorm Magazin)

Die Entscheidung für das Magazin erfolgte entgegen der Logik von Vermarktung und Vertrieb. In den 80er-Jahren boomte noch die Sparte der Lifestyle-Magazine, heute orientieren sich die Verlage stark an der Zielgruppe. Egal ob Angeln, Motorsport, Gärtnern oder Wohlfülen und Wellness – zu jeder Interessens- oder Lebenslage bieten die Kioske eine Zeitschrift, wenn nicht sogar mehrere. Warum kommt Social Economy in den anderen Wirtschaftsmagazinen so wenig vor? Friemel merkt an, dass die Verlage auch an die Vermarktung von Anzeigen denken müssen, wenn sie sich thematisch positionieren. enorm verfolgt einen völlig anderen Ansatz: 15 Prozent der Aboeinnahmen fließen als zinsloses Darlehen an Sozialunternehmen. Welche ausgewählt werden, entscheiden die Abonnenten.

Dieses Konzept machte die Suche nach Förderern zunächst schwierig. Doch mittlerweile, so erzählt Friemel, erhält er viel positives Feedback sowie Anfragen von Stiftungen und Unternehmen. Daraus haben sich Kooperationen ergeben, zum Beispiel für das Magazin WALD, finanziert von der Stiftung Unternehmen Wald, und Werde für die Kunden von Wileda. enorm bleibe weiterhin unabhängig, doch der Social Publish Verlag vergrößere mit solchen Produkten seine Reichweite und habe damit eine stärkere Position am Markt. Die bestehenden Online-Angebote sind ebenfalls Teil von Friemels Portfolio-Strategie.

Wir haben unseren Gesprächspartner gefragt, warum er den Begriff Nachhaltigkeit nicht verwendet, über den wir im vergangenen Semester in einem Seminar ausführlich diskutiert haben. Seiner Meinung nach ist der Begriff zu stark deformiert und verwässert, seitdem so viele Unternehmen nachhaltiges Wachstum versprechen, was mit der eigentlichen Idee kaum etwas zu tun habe. „Wir diskutieren in der Redaktion immer noch, ob wir ihn verwenden sollen. Meist tendieren wir dann zu praktischen Umsetzung und Einzelthemen, etwa, in dem wir von ethischem Wirtschaften sprechen“, erklärt Friemel. „Sinn“ sei zwar ebenfalls schwer zu fassen, dennoch stehe dahinter der Gedanke nach neuen Werten und Veränderung. Friemel bezeichnet die Themen seines Magazins als „elementar für die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft“. Er glaubt, dass die Branche der Sozialwirtschaft weiter wachsen wird, dadurch werde sich auch die Medienlandschaft zu diesem Bereich stärker ausdifferenzieren und das Thema präsenter machen. Er selbst blickt dieser Entwicklung positiv entgegen: „Wenn enorm überflüssig geworden ist, haben wir es geschafft. Aber ich fürchte, dass wird noch ein paar Jahre dauern.“