Die Perspektive ändern

Die Öffentlich-Rechtlichen sind „zur Integration verpflichtet“. Was heute fast ausschließlich mit Migranten in Verbindung gebracht wird, umfasst eigentlich die gesamte Gesellschaft. Denn Aufgaben sind: gesellschaftlichen Zusammenhalt herzustellen, alle gesellschaftlichen Schichten anzusprechen und möglichst alle Bürger zum Engagement für die demokratische Gemeinschaft zu motivieren.

Im Seminar „Themenentwicklung“ haben wir uns mit der Rolle des Integrationsauftrags der Öffentlich-Rechtlichen im Hinblick auf Migration beschäftigt. Hier gilt der WDR als Vorreiter. Mit Iva Kratlic, Integrationsbeauftragte des WDR, haben wir über ihre Aufgaben, Formate des WDR und zukünftige Projekte gesprochen.

von Fabienne Schleunung

Was genau sind Ihre Aufgaben als Integrationsbeauftragte?

Ich arbeite in zwei großen Bereichen – die Programmentwicklung und die Personalentwicklung. Das heißt wir müssen schauen, dass wir bzw. wie wir in den Programmen mit dem Thema Migration und Integration umgehen. Da gibt es eine ganze Palette an Checklisten, Fragen, Problemen die zu beseitigen sind. Einmal schauen wir, ob wir diese Themen groß genug im Programm haben und dann, wie wir sie im Programm haben: Schüren wir Vorurteile? Bauen wir Stereotypen ab? Wer sind unsere Protagonisten vor der Kamera, vor dem Bildschirm? Haben wir da Leute mit Migrationshintergrund? Haben wir Leute mit Migrationshintergrund im Programm, die nur zu Migrationsthemen was sagen? Oder haben wir diese als Teil der Lebensrealität in Nordrhein-Westfalen im Programm? Ich mache Programmbeobachtung, sammele Beispiele und kann bei Fragen zu diesen Dingen konsultiert werden.

 © WDR/Herby Sachs
© WDR/Herby Sachs

Was hat es mit dem Bereich der Personalentwicklung auf sich?

Im Punkto Personalentwicklung schaue ich, bzw. der WDR, ob wir unsere Bevölkerung abbilden bzw. ob sich diese hier widerspiegelt. Das heißt, ob wir auch Menschen mit Migrationshintergrund beschäftigen – und zwar vor der Kamera, hinter der Kamera, im ganzen WDR.

Ziemlich viel, was Sie auf dem Schirm haben müssen. Was sind Ihre Tricks?

Ich habe verschiedene Evaluierungstools. Unter anderem zählen wir, wie viele Leute hier arbeiten. Eine zentrale Frage ist, wie wir jüngere Menschen mit Migrationshintergrund zum Sender bringen. Wir haben z.B. eine Talentwerkstatt entwickelt, die sich explizit an Menschen mit Migrationshintergrund wendet, sodass diese einen Fuß in die Tür kriegen. Also quasi ein bisschen journalistisch fit gemacht werden, damit sie sich dann weiter entwickeln können.

Gibt es denn Probleme, die sich bei der Umsetzung dieser Projekte auftun?

Das hört sich alles toll an. Und es ist auch toll. Ich muss auch sagen, dass der WDR da ziemlich weit vorne ist. Wir gelten in der ARD als DER Sender, der sich um dieses Thema am meisten Gedanken macht. Dabei gibt es aber auch verschiedene Schwierigkeiten: Wir wissen, dass Migranten oder Menschen mit Migrationsbiografien sehr schwer Zugang zu den deutschen Redaktionen finden. Es gibt keine umfassenden Zahlen, aber Studien zeigen, dass die Zahlen zwischen 2 und 5 Prozent schwanken. Das ist sehr wenig, wenn man bedenkt dass mittlerweile jeder Fünfte in Deutschland einen Migrationshintergrund hat. Das ist so ein bisschen die Schwierigkeit. Wir versuchen die Leute verstärkt hinein zu bringen, ohne dass sie direkt bevorzugt werden. Dass wir diesen den Zugang erleichtern, mit bestimmten Maßnahmen.

Haben Sie da ein Beispiel?

Ein Beispiel ist die Talentwerkstatt „WDR grenzenlos“. Hier kommen Leute rein, die journalistisch fit sind, angehende und gute Journalisten. Vielleicht hätte der eine oder andere den Zugang zum WDR nicht gefunden. Denn wie wir wissen, gibt es überall Vorurteile gegen solche Menschen. Es wird mangelnde Objektivität unterstellt und man möchte auch nicht unbedingt Leute mit sog. Unebenheiten in der deutschen Sprache in die Medien holen. Dieses Projekt beispielsweise kommt bei den Leuten sehr gut an. Ich selbst sitze in der Jury und beobachte, dass es selbst bei uns im Haus gut ankommt. Die meisten dieser Teilnehmer sind tatsächlich dann auch in Redaktionen gelandet oder haben Volontariate bekommen. Wichtig ist uns einfach und das möchte ich noch einmal betonen: die Perspektive zu ändern. Von der Ansicht – Minderheiten zu unterstützen – zu Einstellen, weil es auch uns selbst etwas bringt.

Kann man auch als Flüchtling bei der Talentwerkstatt mitmachen?

Flüchtlinge sind da ein anderes Thema. Jemand der gerade frisch in Deutschland angekommen ist, kommt in so ein Projekt, wie „WDR grenzenlos“, schwer rein. Allerdings bieten wir andere Projekte im WDR für diese Gruppe an. Beispielsweise WDR 4YOU – das ist eine Redaktion, die ein Internetangebot für Flüchtlinge in vier Sprachen macht. Hier arbeiten dann auch einige Journalisten, die selbst aus bestimmten Ländern, wie beispielsweise Syrien oder Afghanistan, kommen.

Was müsste man ihrer Meinung nach noch machen, bzw. was planen Sie im Hinblick auf Flüchtlinge? Gibt es Projekte, die ausstehen?

Momentan habe ich keine Projekte angedacht. Der WDR bietet Praktika für Flüchtlinge, die in ein duales Ausbildungssystem wollen. Allerdings sind diese im technischen Bereich. Das könnten wir ausweiten. Was ich momentan plane, ist noch in der „Mache“. Ich plane mich stärker mit den Redaktionen ins Gespräch zu bringen. Wir hatten gerade einen Integrationsgipfel, bei dem wir uns vielseitig mit dem Thema beschäftigt haben. Wir hatten eine Dialogplattform mit vielen gesellschaftlichen Bereichen: Arbeitsmarkt, Ausbildung, Medien, Gesundheit, usw. Wir haben all diese Akteure zusammengebracht und wollten herausfinden, wie wir mit dieser neuen Lage umgehen können – konstruktiv. In diesem Sinne werde ich mit den Redaktionen im Gespräch bleiben. Momentan ist es einfach schwierig für alle Medien in Deutschland, nach all den vielen Vorwürfen: Wir seien Teil der Regierung und würden uns nicht mit der Realität auseinandersetzen. Ich bin da ganz anderer Meinung, deswegen will ich mich programmlich stärker engagieren, diesen Dialog in den Medien führen und auch nach außen tragen.

Im letzten Jahr ist die Anzahl der Flüchtlinge in Deutschland stark angestiegen. Sehen Sie einen Wandel / eine Veränderung im Bezug auf das Angebot des WDR?

Natürlich. Wir haben darauf reagiert. Einmal auf journalistischer Ebene zum Beispiel mit WDR 4You, was sehr gut besucht und erfolgreich ist. Und letztes Jahr hatten wir im Programm „refugee radio“, sogenannte Radioblöcke auf Arabisch. Die gibt es heute nicht mehr. Dafür haben wir jedoch täglich abends eine Sendung auf arabisch im Hörfunk. Oder „Die Sendung mit der Maus“, die der WDR produziert und ins Arabische übersetzen lässt. Andererseits sind wir auch inhaltlich sehr mit diesem Thema beschäftigt. Intern wird ständig darüber diskutiert: „wie berichten wir darüber, wie positionieren wir uns in der gesellschaftlichen Debatte, usw.“ Also es ist ein ständiges Thema bei uns.

Vielen Dank für das Interview!

Titelbild: Flickr Creative Commons Licence,© Robin Schroder, Quelle: https://flic.kr/p/2iM5gs