Die Kunst der konstruktiven Nachricht – “Wir wollen ein offenes Medium sein”

Negative Schlagzeilen der Woche:

SPIEGEL Online: “Deutschland: Wie die Ungleichheit das Wachstum hemmt”

ZEIT Online: “Aleppo: Vormarsch der Assad-Truppen treibt Tausende in die Flucht”

FAZ.NET: “Horst Seehofer: Noch nicht zu spät, den europäischen Trump zu verhindern”

Süddeutsche Zeitung: “Bundesregierung verschleiert Berater-Kosten”

von Benjamin Reibert und Lisa Mann

Solche grausamen Nachrichtenmeldungen begleiten uns Tag für Tag. Schlagzeilen wie diese erschüttern und lösen ein Gefühl der Beklemmung aus. Sie schildern Probleme, die so groß sind, dass es dafür scheinbar keine Lösungen gibt. Beim Lesen baut sich eine bedrohliche Kulisse auf. Viele Rezipienten reagieren mit Frustration und entscheiden sich, wegzusehen. Bei manchen entwickelt sich gar eine Medienverdrossenheit. Aus Gefühlen der Machtlosigkeit und Ohnmacht können Pessimismus und Depressionen entstehen. Doch kann das Ignorieren der Nachrichten die Lösung sein? Natürlich nicht! Wegschauen löst die Probleme nicht.

Genau dieser Problematik nimmt sich der konstruktive Journalismus an. Er versucht, Lösungsansätze für die Probleme zu präsentieren und zeigt so den Rezipienten auf, was sie selbst dazu beitragen können. Es ist wichtig hierbei zu beachten, dass es beim konstruktiven Journalismus nicht um das Schönreden von Nachrichten geht. Dennoch wird er von Kritikern häufig als rosaroter Sonnenbrillen-Journalismus bezeichnet. Doch ebenso wie der klassische Journalismus thematisiert auch der konstruktive Journalismus aktuelle Nachrichten nur eben mit dem Anspruch, ein kompletteres Bild zu zeichnen.

Ein Beispiel für konstruktiven Journalismus ist Perspective Daily. Pro Tag veröffentlicht das noch junge Medium nur einen einzigen Artikel, also fünf pro Woche. Neben den Fakten einer Thematik sollen die Artikel auch Lösungsmöglichkeiten aufzeigen und zur Diskussion innerhalb einer Gesellschaft anregen. Wir haben mit Felix Austen, Mitglied der Redaktion, über das Projekt und lösungsorientierten Journalismus via Skype gesprochen.

15877812_10207930758046395_488720803_oFelix, wie ist Perspective Daily in diesem Jahr gestartet? Und wie ist das Projekt aufgebaut?

Es haben sich neue Geschäftsmodelle im Journalismus entwickelt. Wir haben ein Crowdfunding gestartet und mussten dafür viel Marketing und PR betreiben, um Leute dazu zu bewegen, das Magazin auch zu kaufen. Eine einjährige Mitgliedschaft ist also die Grundlage gewesen, um unsere redaktionelle Arbeit zu finanzieren. Wir haben weder einen Vertrieb, noch taucht Werbung bei uns auf. Viele unserer Leser interagieren und kommentieren die Publikationen, so wie wir Autoren auch. So können wir sie für guten Journalismus zurückgewinnen. Ich finde einfach, dass Medien sich nicht genug Zeit nehmen, um mit ihren Lesern in Kontakt und Austausch zu treten. Vielleicht liegt es aber auch an deren Geschäftsmodell.

Wie generiert ihr neue Mitglieder? Passen Marketingkampagnen in euer Konzept und plant ihr welche?

Den Grundstock an unseren Mitgliedern haben wir mit der ersten Crowdfunding-Phase gelegt über 12.000. Momentan generieren wir viele neue über Social Media. Über die Plattformen wird weiter viel verbreitet. Werbung machen wir im Prinzip fast gar nicht, nur ein bisschen über Facebook. Einige von euch kennen vielleicht auch das Projekt mit Olli Schulz, Jan Böhmermann und Nora Tschirner, und wir arbeiten auch weiter daran, dass wir weiter in die Öffentlichkeit kommen. Wenn es vielleicht einer von uns ins Fernsehen schafft, wäre das super.

Ihr seid nun seit einem halben Jahr online. Wie schätzt du eure bisherige Entwicklung ein, und wie ist das Feedback eurer Rezipienten?

Wir sind mit der Entwicklung ziemlich zufrieden. Da wir schon jetzt ein gut eingespieltes Team sind, ist die Arbeitsatmosphäre sehr gut. Unsere Motivation und die Mitgliederanzahl sind auch bislang gut, aber es könnte natürlich immer besser sein. Dennoch sind wir mit dem Projekt auf einem guten Weg. Wir fangen jetzt so langsam an, zu analysieren, um den richtigen Hebel in Gang zu setzen und Marketing-Tools zu testen. Das Feedback ist sehr reichhaltig. Wir haben ganz gute Diskussionen, das war ja auch unser Ziel: eine gute Diskussionskultur zu gründen, wo die Leute sich höflich ihre Meinung gegenseitig kundtun. Wir kriegen sehr viele E-Mails. Aber klar gibt es auch Leute, die sagen, wir sind doch nur Öko-Propaganda. Aber das ist eher wenig. Es gibt auch tolles Feedback: Leute, die vorbeikommen und einen Kuchen mitbringen, das ist ganz schön. Auf jede Aussage und jeden Wunsch kann man natürlich nicht eingehen, da sie sich teilweise widersprechen. Aber allgemein fällt das Feedback positiv aus.

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Gibt es konkrete Zahlen, wie oft ein Artikel geteilt wird?

Geteilt wird jeder Artikel, aber die Zahlen schwanken dabei. Aber das sind schon mehrere hundert. Ich habe die Zahlen jetzt nicht im Kopf, aber es gibt einzelne Ausreißer nach oben. Das hat dann viel damit zu tun, ob man viele Leute erreicht. Wir haben z.B. einen bekannten Comiczeichner, Ruthe, in den Reihen und der hat viel geteilt und dann geht es natürlich ab. Deswegen ist ein Netzwerk in Social Media besonders wichtig.

Was sind Themen, die bei den heutigen traditionellen Medien zu wenig behandelt werden?

Das ist schwierig. Die Frage ist: Was sind traditionelle Medien? Aber generell kann man die Wichtigkeit des Themas Klimawandel nicht unterschätzen. Die klassische Unterteilung wie in den Zeitungen machen wir ja auch bewusst nicht. Wir sehen auch in den Themenfeldern Finanzen und Politik, dass man einen wissenschaftlichen Background benötigt. Man sollte halt wissen, von was man spricht.

Ihr habt in der Redaktion auch einen hohen wissenschaftlichen Background, oder?

Ja, das ist bei uns Voraussetzung. Zwei Neurowissenschaftler und ein Physikochemiker haben das Projekt ins Leben gerufen. Ich selber habe auch Physik studiert.

Ein wichtiges Thema bei euch ist auch die Transparenz. Wie stellt ihr sicher, dass diese Transparenz auch weiterhin geboten ist?

Ja, für uns ist sie geboten. Wir gehören niemandem und treffen alle Entscheidungen selber. Die Frage ist, wie man das vermittelt und warum man welche Entscheidung trifft. Da versuchen wir, was in deutschen Medien oft als unsachlich wahrgenommen wird: Nämlich, dass man als Autor auch präsent sein darf. Für uns ist das Vorgaukeln, wenn man so tut, als ob man als Journalist nicht da gewesen ist. Wir versuchen unsere Entscheidung nach außen zu transportieren, es gibt da also keine Interessenskonflikte. Wir machen das bewusst, aber es fällt uns nicht schwer, das so zu tun. Als Journalist unterliegt man eben auch seinen eigenen Regeln und Gesetzen, deshalb hilft es als Autor auch, präsent und nahbar zu sein. Es ist etwas anderes, wenn die Leute einen kennen und man dazu steht, als wenn man ein anonymer Tastentipper ist. Wir wollen also ein offenes Medium sein.