Deutschland lacht

In den letzten Jahren hat Satire hierzulande einen enormen Aufschwung erlebt. Nicht zuletzt, weil auch mit kontroversen Themen viel Aufmerksamkeit erregt wurde. Neben Kritik verdiente man sich aber auch Preise und Auszeichnungen. Vieles spielt sich mittlerweile Online bzw. in sozialen Netzwerken ab, doch auch im TV ist Satire gefragt. Ein Überblick über Formate, Zahlen und Themen.

Von Marcel Becher

Auf dem deutschen Fernsehmarkt gibt es inzwischen eine Vielzahl von Satire-Angeboten. Die bekanntesten finden sich mit der heute-show, dem Neo Magazin Royale, der Anstalt oder extra 3 in den öffentlich-rechtlichen Programmen bzw. deren Spartensendern oder Landesanstalten. Die Otto-Brenner-Stiftung gab zusammen mit Autor Bernd Gäbler Ende September eine Studie heraus, in der die TV-Formate der heute-show, der Anstalt und von extra 3 analysiert wurden. Daraus lässt sich erkennen, auf welche Art und Weise welche Themen behandelt und wie aufbereitet wurden. Die Zahlen über die Zuschauerquote und den Marktanteil liefern Rückschlüsse auf den Beliebtheitsgrad der Sendungen.

Die heute-show ist seit Jahren eines der beliebtesten Satire-Formate im deutschen Fernsehen. Gestartet im Jahr 2009 als Pilot-Folge, entwickelte sich die Sendung zu einem wahren Quotengaranten am späten Freitagabend. Im Schnitt verfolgen über drei Millionen Zuschauer die Show, der Marktanteil liegt dabei stets um die 15 Prozent. Den bisherigen Höchstwert erreichte sie mit dem Jahresrückblick 2015, als 4,42 Millionen Zuschauer (18 Prozent Marktanteil) die Sendung sahen. Viermal nacheinander (2009-2012) erhielt sie den Deutschen Comedypreis als „Beste Comedyshow“, zudem den Grimme-Preis 2010 in der Kategorie Unterhaltung und den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis 2012. Oliver Welke, das Gesicht der heute-show, ist nicht nur Moderator, sondern auch Autor der Sendung. Seine Machart mit einem Mix aus appellierenden, kritischen Worten und ironischem Sprachwitz verleiht den ausgewählten – meist politischen – Themen eine gewisse Ernsthaftigkeit, ohne dabei den Sinn für Humor zu verlieren. Vermutlich auch deshalb wurde die heute-show zum 50-jährigen Jubiläum des ZDF zur beliebtesten Sendung in der gesamten Sendergeschichte gewählt.

Bekannt ist die Sendung für ihre Aufbereitung der Themen. Wie in einer echten Nachrichtensendung gibt es neben dem Moderator weitere Personen, die z.B. im Studio als Experten oder als Außenreporter auftreten. Bekannte Mitwirkende sind u.a. Hans-Joachim Heist alias Gernot Hassknecht, Lutz van der Horst, Dietmar Wischmeyer oder Carolin Kebekus. Dabei sind die Kabarettisten entweder auf Parteiveranstaltungen und Demonstrationen vor Ort oder als „Schalt-Gespräch“ vor dem Greenscreen. Andere wiederum haben ihre eigene Rubrik in der Sendung. Zudem werden oftmals kleine Einspieler und O-Töne in die Moderation eingebaut, um das Thema aufzulockern. Ein weiteres Motiv sind die sogenannten Kacheln. Dies sind Fotomontagen, die mit einem Wortspiel oder Slogans unterlegt sind.

heute-show

Einen ähnlichen Aufbau besitzt auch das Magazin extra 3. Die traditionsreichste Satiresendung, gegründet 1976, widmet sich jeden Mittwoch im Norddeutschen Rundfunk (NDR) aktuellen politischen Ereignissen. Moderiert von Christian Ehring, begleitet von Autoren satirischer Beiträge, Kabarettisten sowie Stand-Up-Comedians, bildet extra 3 mit einer Fülle von Sketchen, selbstgemachten Einspielfilmen und Live-Parodien eine Mischung aus Kleinkunst und Magazin. In diesem Jahr gewann die Sendung den Deutschen Comedypreis als „Beste Satireshow“. Besonderes Aufsehen erregte extra 3 durch ein zweiminütiges Musikvideo über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, in dem unter anderem die Pressefreiheit und das Demonstrationsrecht in der Türkei kritisiert werden. Das Video wurde mittlerweile über zehn Millionen Mal aufgerufen. Durch die Mitgestaltung des politischen Konflikts erhält die Sendung ein hohes Maß an Solidarität.

Für noch größere Furore sorgte Jan Böhmermann mit seinem Neo Magazin Royale, als er ein Schmähgedicht über Erdogan in seiner Late-Night-Show präsentierte. Demzufolge erntete er Kritik sowohl von türkischer als auch deutscher Seite. Sogar ein Strafantrag seitens der türkischen Regierung wurde gestellt. Im Oktober wurden die Ermittlungen gegen Böhmermann eingestellt, das Gedicht zeige allerdings laut Staatsanwaltschaft ein Beispiel für die Überschreitung der Meinungsfreiheit. In der Sendung wird Böhmermann von den beiden Sidekicks William Cohn und Ralf Kabelka unterstützt. Bestandteile der Show sind – neben aktuellen Themen – Interviews, musikalische Einspieler durch den Rapper Dendemann mit der Band „Freie Radikale“ sowie verschiedene Rubriken, wie der Hashtag der Woche.

Noch genauer kann man den Erfolg der Satire-Formate durch deren Präsenz im Internet feststellen. Die Homepage des 2008 gegründeten Postillons hatte im letzten Monat (November 2016) laut Google Analytics fast elf Millionen Seitenaufrufe. Im sozialen Netzwerk Facebook kann der Satire-Blog über 2,3 Millionen Page Likes verzeichnen. Der Postillon veröffentlicht auf seiner Website regelmäßig satirische Artikel und (Agentur-)Meldungen, die zumeist einen aktuellen Bezug haben. Des Weiteren erscheinen der tägliche Newsticker, zusammengesetzt aus Wortspielen, und die wöchentliche Sonntagsfrage auf der Homepage.  Mit Postillon24 (seit 2012) und Faktillon (seit 2016) wurden zwei neue Formate errichtet, die die Nachrichten in eine Sendung verpacken sowie Weisheiten, Fakten und Unnützes Wissen satirisch kurz und knapp darstellen. Für die Umsetzung des Postillons erhielten Chefredakteur Stefan Sichermann und sein Team im Jahr 2013 den Grimme Online Award in der Kategorie Information sowie den Publikumspreis.

Auch auf dem Zeitschriftenmarkt sind Satiremedien umfassend vertreten. Die Zeitschriften Eulenspiegel und Titanic (seit 1954 bzw. 1979) haben bereits eine lange Tradition. Mit um die 100.000 Exemplare verzeichnen beide eine beachtliche Auflage. Dennoch bedienen sich die Zeitschriften nicht dem breiten Publikum, sondern sind durch ihre besondere Aufmachung und ihrem anspruchsvolleren Stil für bestimmte Zielgruppen interessant. Karikaturen, Kolumnen und Rubriken zeichnen die Satire-Magazine aus. Auch deshalb stehen sie des Öfteren wegen ihrer provokanten Haltung in der Kritik, nicht selten entwickeln sich daraus Strafanzeigen und Schadensersatzforderungen. Erst kürzlich brachte die französische Satire-Zeitung Charlie Hebdo ihre erste deutsche Ausgabe auf den Markt. Die wegen ihrer Mohammed-Karikaturen vor allem von islamischen Anhängern kritisierte Zeitung startete mit einer Auflage von 200.000 Exemplaren. Sie unterscheidet sich nur wenig von ihrem französischen Pendant und besteht größtenteils aus Übersetzungen der französischen Ausgabe. Je nach Erfolg will das Blatt künftig auch mit deutschen Karikaturisten zusammenarbeiten.

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Satire ist und bleibt ein Streitpunkt, deren Kontroversen stellenweile bis an die Grenzen ausgereizt werden. Andererseits ist sie ein wertvolles Gut der Meinungs- und Pressefreiheit in Deutschland. Satire polarisiert und ist genau deshalb ein nützliches Mittel, um Missstände aufzuzeigen. Dabei müssen allerdings Themen gut aufbereitet und dargestellt werden, immer wieder spricht man auch von kunstvoll. Ein entsprechendes (Vor-)Wissen macht es deutlich einfacher, Satire zu verstehen. Gleichzeitig kann sie durch die spielerische Beschäftigung und Unterhaltung ein Antrieb sein, sich darüber zu informieren, wodurch besonders das jüngere Publikum profitieren kann. Ihm wird ein Zugang zum Thema geschaffen bzw. erleichtert. Bernd Gäbler fasst es in seiner Studie so zusammen: „Ohne eigenes Interesse und gezielte Anstrengung wird sich nicht jedem auf Anhieb das aufklärerische Potenzial der Satire erschließen.“ Die Chance dazu ist jedenfalls gegeben.

Bild: Der Postillon, URL: http://www.der-postillon.com/2016/07/wie-viel-text-passt-eigentlich-in-einen-link-da-geht-auch-einiges-aber-ob-das-jemand-liest-so-ganz-ohne-satzzeichen-und-umlaute-ist-das-auch-schwer-verstaendlich.html