Der Umgang mit dem Terror

Processed with VSCOcam with b5 preset
Quelle: Pexels

von Fabienne Sygulla

Es gab Wochen, da diskutierten wir darüber, welches Thema das große Medienthema der Woche war. Da gab es mehrere, gleichberechtigte Themen, zwischen denen die Entscheidung schwer fiel. In dieser Woche war das anders. Die Ereignisse in Paris überschatteten alles. Eher war es beinahe schwer auszumachen, welche anderen Ereignisse in der letzten Woche passiert waren. Die Bilder des Terrors waren übermächtig, die Medien berichteten über kaum etwas anderes. Wer den Fernseher einschaltete, konnte sich den Ereignissen in Paris nicht entziehen. Gleiches galt für Radio und Internet. Zahlreiche Spezialsendungen, Brennpunkte und Liveblogs dominierten das Wochenende, die sozialen Netzwerke quellten über vor Beiträgen, Meinungen und Anteilsbekundungen zu den Terroranschlägen in Paris. Kurz nach den Anschlägen konnten im Internet minutiös neue Erkenntnisse und Spekulationen abgerufen werden. Über Periscope konnte man beinahe live dabei sein, als der Terror Paris in Atem hielt. Selten zuvor war man schneller im Bilde über das, was passiert ist. Wie ist der Umgang der Medien mit den Anschlägen zu bewerten? Auf dieser Frage lag der Fokus unserer Diskussion im dies wöchigen Labor. Zwei Studenten und zwei Dozenten melden sich zu Wort.

“Die Diskussionen in den sozialen Netzwerken hatten sehr unterschiedliche Facetten: mit #notinmyname wehrten sich Muslime gegen einen Generalverdacht, entlang des Hashtags #prayforparis entbrannte die Frage, ob Religion nicht alles schlimmer macht und mit #alllivesmatter forderten manche mehr Solidarität und Aufmerksamkeit für die Anschläge in Beirut oder in anderen Regionen.”
Julia Monge Duarte

Foto: Steven Wolf
Quelle: Steven Wolf

“Mir stellt sich die Frage, ob die diversen Spezialsendungen zu #ParisAttacks, häufig ohne Neuigkeiten und mit sich wiederholenden Inhalten, tatsächlich nötig waren. Womöglich haben sie die Angst in unserer Gesellschaft unnötig erhöht. Doch für mich stachen zwei Dinge in der Berichterstattung positiv hervor. Zum einen haben insbesondere die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender dem Versuch widerstanden, Schnellschüsse zu verbreiten. Unmittelbar nach den Anschlägen verzichteten sie lieber darauf, so schnell wie möglich mit einem Spezial auf Sendung zu gehen, doch hatten dafür in der Folge fundierte Informationen zu bieten. Zum anderen ist es gelungen, Parolen à la Markus Söder, welche die Anschläge zur Stimmungsmache gegen Flüchtlinge instrumentalisieren wollten, schnell und nüchtern zu entkräften.”
Thomas Becht

Foto: Steven Wolf
Quelle: Steven Wolf

“Es wird sehr viel sehr aktuell berichtet, was im gewissen Rahmen verständlich ist – gerade unter dem Gesichtspunkt der Chronistenpflicht. Manchmal geht da aber Schnelligkeit vor Gründlichkeit. Und der Live-Zwang erscheint teils doch übetrieben, da er dann wenig informative Endlosschleifen produziert, die keine relevanten Nachrichten erbringen. Siehe etwa der Abend des abgesagten Fußballspiels, zu dem bis auf wenige Gerüchte kaum etwas vorlag. Was ich mir insgesamt mehr gewünscht hätte: Rückblicke auf andere Attentate und Vergleiche, politisch-stragegische Einordnungen und vor allem Reaktionen aus dem Ausland, Solidaritäsbekundungen anderer Muslime. Insgesamt fehlt öfter der Kontext und das heißt Recherche.”
Prof. Dr. Torsten Schäfer

“Wenn Medien live auf Katastrophen reagieren müssen, ist das immer schwierig. Vor allem das Fernsehen muss praktisch sofort ständige Präsenz zeigen, während die Informationen doch erst nach und nach eintreffen. Das führt zu einigen Verrenkungen und unnötigen Wiederholungen. Deshalb bin ich in solchen Situationen besonders froh über das Internet. Dort wird der Informationsbestand sozusagen inkrementell aufgebaut. Während der Anschläge von Paris entstand so beispielsweise nach und nach eine Wikipedia-Seite, die einen exzellenten Überblick über den gerade aktuellen Wissensstand vermittelt hat.
Der Eindruck, den ich in den Stunden nach den Anschlägen über Twitter und Nachrichtensites von der Arbeit der Medien (auch der anderen Medien) bekommen habe, war insgesamt ziemlich positiv. Ich habe wenige Gerüchte oder Fehlinformationen wahrgenommen, und wenn es welche gab, wurden sie schnell in Frage gestellt oder sogar korrigiert, wie beispielsweise die Information über einen syrischen Flüchtlingspass bei einem der Attentäter. Es gab auch sehr schnell kritische Stimmen, die sich einer Vereinnahmung der Attentate für die aktuelle Flüchtlingsdiskussion entgegengestellt haben. Auch wenn die üblichen Reflexe bei solchen Ereignissen, zum Beispiel die Forderung nach Gesetzesänderungen und verschärften Sicherheitsmaßnahmen, nicht vollständig kontrollierbar sind, bleibt der Eindruck, dass die Medien insgesamt besonnen und verantwortungsvoll auf die Herausforderung reagiert haben. Besonnener und verantwortungsvoller als manche Politiker…”
Prof. Dr. Lorenz Lorenz-Meyer

1 Kommentar

  1. Vielen Dank für die anregenden Einschätzungen und den Einblick eurer kritischen Auseinandersetzung mit der Berichterstattung.
    Ich kann hauptsächlich nur etwas zu der Berichterstattung der Spielabsage in Hannover sagen, da ich diese sozusagen “live” miterlebt habe – Hier hatte ich auch den Eindruck, dass sich der Inhalt der Spezialsendungen im Fernsehen eher wiederholt hatte, da es ja nicht viel zu berichten gab, außer dass das Spiel abgesagt wurde und es zu dem Zeitpunkt noch keine weiteren Informationen zu den Gründen gab. Sicherlich wurde man selbst verunsichert durch die dann doch plötzliche Absage des Spiels. Allerdings glaube ich, lag diese Verunsicherung auch daran, dass besonders medial die Botschaft vermittelt wurde, dass es enorm wichtig sei, dass dieses Spiel stattfindet. Es sollte ein Zeichen gesetzt werden. Auch ich fand es im ersten Moment enorm wichtig. Doch mit etwas Abstand betrachtet, war ich mir gar nicht mehr so sicher. Ein frühzeitig abgesgtes Spiel hätte vielleicht für viele im ersten Moment ein Zeichen der Schwäche bedeutet, doch hätte es auch gezeigt, dass wir menschlich sind und Liebe in uns tragen und deshalb Zeit zum Trauern und Besinnen brauchen.

Kommentare sind geschlossen.