Der Fall Diekmann

Im Zweifel für den Angeklagten. Dieser Ausspruch ist eines der Grundprinzipien bei Strafverfahren. In die Praxis übersetzt bedeutet das: Sofern einem Angeklagten die Straftat, derer er verurteilt werden soll, nicht nachgewiesen werden kann, gilt er als unschuldig. Im Zweifelsfall können so falsche Urteile abgewendet werden. Doch was vor Gericht gilt, scheint für einige Medien nicht zu zählen. Sie spielen stattdessen Richter und Henker.

von Benjamin Reibert und Jonas Schramm

Jörg Kachelmann erfuhr am eigenen Leib, was es bedeutet, in den medialen Fokus gezerrt zu werden und sich falschen Behauptungen und Anschuldigungen stellen zu müssen. Was war passiert?

Am 20. März 2010 wurde der Schweizer Moderator und Journalist wegen des Verdachts der Vergewaltigung einer Frau, zu der er eine intime Beziehung unterhalten hatte, festgenommen. Die Staatsanwaltschaft Mannheim erhob zwei Monate später beim Landgericht Anklage gegen ihn wegen des Verdachts der besonders schweren Vergewaltigung in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung. Und wie ging die Presse mit dieser Anklage gegen Kachelmann um, der durch seine Wettervorhersagen für die ARD populär wurde? Sie verurteilte ihn eigenmächtig und diffamierte ihn in einer fast beispiellosen Weise in der Öffentlichkeit vor allem der Springer-Verlag und die Bild-Zeitung.

Das zuständige Gericht befand Kachelmann 2011 für unschuldig. Er wurde nach dem Grundsatz „in dubio pro reo“ freigesprochen, im Oktober des selben Jahres wurde das Urteil rechtskräftig. Vier Jahre später musste der Springer-Verlag 635.000 Euro Schmerzensgeld an den Journalisten zahlen. Von seiner Ex-Geliebten erstritt Kachelmann 7.000 Euro Schadensersatz. Letztendlich ein Sieg, aus dem aber fast jeder als Verlierer raustrat – vor allem Kachelmann und die Presse.
Erinnerungen an den Fall und die Fehltritte der Presse wurden nun wieder geweckt, als eine Springer-Mitarbeitern dem Bild-Herausgeber Kai Diekmann „Belästigung“ vorwarf. Der Spiegel berichtete als erster darüber. Demnach habe Diekmann die Mitarbeiterin im Sommer im Rahmen einer Klausurtagung beim Baden belästigt. Dem Spiegel-Bericht zufolge, zog der Springer-Verlag daraufhin externe Rechtsexperten zurate, die kein strafbares Verhalten feststellen konnten. Um eine rechtsverbindliche Klärung des Falles zu erreichen, wurden die Erkenntnisse daraufhin im Einverständnis Diekmanns an die Staatsanwaltschaft übergeben. Kurz danach habe die Mitarbeiterin Anzeige erstattet. Konkrete Informationen zu dem Inhalt dieser Anzeige sind indes nicht bekannt. Das Thema wurde von weiteren Medien aufgriffen, ohne dass weitere Informationen zutage traten. Auch die Bild berichtete zurückhaltend und nüchtern. Das Thema wurde in der Print-Ausgabe vom 7. Januar auf der zweiten Seite untergebracht.

diekmann

Dass diese Art der Berichterstattung dennoch in den sozialen Netzwerken für Diskussionen sorgen würde, war zu erwarten. Fragen der Verhältnismäßigkeiten wurden gestellt, da sich die Bild in der Vergangenheit des Öfteren nicht sonderlich feinfühlig verhalten hatte, wenn es um Persönlichkeitsrechte ging – der Fall Kachelmann ist ein entsprechendes Beispiel dafür. Ein Ausreißer in der Berichterstattung stellte die Website Meedia dar, die sich auf eigene Informationen bezog und vermeintlich konkretere Informationen zur Anzeige publizierte. Der Fall Diekmann steht momentan noch am Anfang und viele Fragen sind offen. Eine Frage, die sich der Spiegel gefallen lassen muss, ist, ob nicht zu früh über das Thema berichtet wurde. Der Chefredakteur von Kress.de, Bülend Ürük, drückte es folgendermaßen aus: „Der Spiegel hat die Nachricht heute zuerst verbreitet – und damit die Büchse der Pandora für jede Form der Verdachtsberichterstattung jetzt und in Zukunft geöffnet.“

Mit unseren Kommilitonen und Dozenten haben wir diskutiert, ob es richtig war, über das Thema zu berichten und versucht, Antworten auf diese moralischen Fragen zu finden:

War es richtig, dass der SPIEGEL über die Vorwürfe gegen Kai Diekmann berichtete? Sollten Medien überhaupt über Vorwürfe sexueller Belästigung berichten?

„Es ist schwierig, über Vorwürfe zu berichten, die noch nicht spruchreif sind. Vor allem auch, was die Art der Berichterstattung angeht.“ (Studentin Mirijam Friedrich)

„Die „Titanic“ macht sich lustig über Diekmann. Ich finde es falsch, darüber zu berichten – auch wenn es bei Diekmann schwierig ist, als Journalist die Füße still zu halten.“ (Student Tom Weimar)

„Ich tue mich auch extrem schwer. Diekmann ist halt keine private Person. Aber bei Brüderle gab es auch Berichterstattung über Nötigung usw. Da stellt sich die Frage: Kann man es nicht auf eine Ebene stellen, dass es ein öffentliches Interesse ist, weil Diekmann in der Öffentlichkeit steht?“ (Studentin Marina Speer)

„Es gibt medienrechtliche Vorgaben. Hier ist es schwierig, da es Prominente sind. Da werden diese Regeln anders angewandt. Da gibt es einen großen grauen Bereich, wo es auch im juristischen Hinblick schwierig wird. Wenn es unbekannte Personen wären, dann würden die Redaktionen mehr diskutieren, ob es sinnvoll ist. Bei Prominenten neigt man eher zur Vorverurteilung.“ (Dozent Torsten Schäfer)

Hätten sie darüber berichtet müssen/sollen?

„Entscheidend ist hierbei die Quelle. Wenn Springer hierbei öffentlich wird, ist es was anderes. Wenn es aber zur Vorverurteilung kommt, dann steht da ein Name. Dann wird das so zusammen wahrgenommen und auf einen Schaden hingewiesen. Dann ist hierbei die Nennung nach Meedia-Quellen schwierig. Ich denke, ich hätte es nicht gemacht. Es ist einfach sehr stark anonymisiert.“ (Dozent Torsten Schäfer)

„Was ist wirklich rechtlich der Stand der Dinge? Wenn ich es richtig verstanden habe, ist es eine Anzeige, die erstattet wurde und der Staatsanwalt hat dazu noch nichts gesagt. Das ist problematisch, eine ungeprüfte Anzeige. Wenn der Staatsanwalt gesagt hätte ‘Ich habe das geprüft’, dann kann man eher über eine Person der Öffentlichkeit berichten. Aber so finde ich das nicht in Ordnung.“ (Dozent Thomas Pleil)

„Aufklären ist hier wichtig und stark bei den Fakten zu bleiben. Es gibt eine ungeprüfte Anzeige, das Rechtssystem funktioniert hierbei so und so. Dann kann man gleichzeitig erklären, warum es auf diese Art und Weise publiziert wird, somit kann man gleichzeitig Aufklärung leisten.“ (Dozentin Henriette Heidbrink)
„Wie reagiert ein Journalist, wenn er weiss, dass es innerhalb des Verlags rechtlich schon geprüft wurde? Es gibt da zwei Varianten: Man vertraut denen erst recht nicht, man schützt den Chef und vertuscht. Zweite Variante: Interne Juristen werden einen Teufel tun, es zu vertuschen, weil man sich das nicht erlauben kann. Hier ist es schwierig, welche Seite man wählt. Ich neige dazu, gerade nach der Kachelmann-Erfahrung, dass eine Vertuschung möglich ist und hier wurde seriös geprüft. Wenn die sagen, dass da nichts dran ist, dann sollte das eine seriöse Aussage sein.“ (Dozent Thomas Pleil)

Schlusswort:

Der Spiegel hat sich für eine Berichterstattung über das Thema entschieden. Ob dies nun voreilig passiert ist oder nicht, wird sich erst in Zukunft zeigen. Um es mit den Worten von Jörg Kachelmann zu sagen: „Wir wissen nichts. Alles ist möglich.“