Der deutsche New Scientist und die Zeit danach

Nur sieben Monate war die deutsche Lizenzausgabe des New Scientist auf dem Markt, bevor der Spiegel-Verlag das Wissensmagazin wieder einstellte. Auf der diesjährigen Wissenswerte-Konferenz in Bremen diskutierte der ehemalige Chefredakteur Lothar Kuhn über die Gründe des Scheiterns, während andere bereits das nächste Magazin planen.

Wissenswerte 2013
Wissenswerte 2013: Wissenschaftsjournalismus in der Krise? (Foto: Lisa Leander)

Eigentlich stand nur ein Werkstattgespräch im kleinen Rahmen auf dem Programm, doch Lothar Kuhn ließ niemanden vor der Tür stehen, sodass der kleine Saal im Konferenzzentrum Bremen schnell gefüllt war. Das solle hier keine Trauerveranstaltung sein, versicherte er. Dabei hatte die Helmholtz Gemeinschaft das Schicksal des New Scientist gerade als Aufhänger genommen, um die Krise des Wissenschaftsjournalimus zu thematisieren.

Die Vorgeschichte ist schnell erzählt: Kuhn und der Spiegel-Verlag wollten mit der deutschen Ausgabe des britischen Traditionsblatts in eine Marktlücke stoßen. Denn ein wöchentliches Printmagazin zu wissenschaftlichen Themen gab es hierzulande nicht. 60 bis 70 Prozent der Texte sollten aus dem englischsprachigen Original übernommen werden, um den Rest kümmerte sich ein junges Team von etwa zwanzig Redakteuren. Im November 2012 kam die erste Ausgabe heraus, doch Verkaufs- und Abonenntenzahlen blieben hinter den Erwartungen zurück. Bei der Kooperation mit den Briten standen von Anfang an  die Zahlen fest, die erzielt werden mussten, berichtete Kuhn. Der Spiegel-Verlag, dem die herausgebende New Scientist Deutschland GmbH gehörte, stoppte das Blatt etwas früher als nötig im Mai 2013.

Die Kritik

Warum es dem New Scientist an Beliebtheit fehlte, wollte der Verlag von Abonennten wissen, die das Blatt bereits abbestellt hatten. Die Antowrten: Zu viel zu lesen für eine Woche, zu wenig exklusive Themen, zu teuer. Als Einzelausgabe am Kiosk kostete der deutsche New Scientist 4,50 €. Weitere mögliche Gründe für den Misserfolg hat das Meedia-Magazin aufgelistet. Das Publikum auf der Wissenswerte bemängelte, das dünne Heft mit billigem Papier sei nicht wertig genug für den deutschen Markt, nicht „couchtischfähig“, wie Spektrum-Redakteur und Blogger Lars Fischer es ausdrückte. Manchen waren die großen Wochenzeitungen als wöchentliche Lektüre lieber, auch Stellenanzeigen kamen im New Scientist zu kurz.

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Der englische New Scientist (Foto: Scott MacLeod Liddle/flickr.com, CC BY-NC-ND

Fazit: Was in Großbritannien funktioniert, zieht nicht unbedingt bei den deutschen Lesern. Marktforschung mit einer Dummy-Ausgabe wurde nicht betrieben, gibt Kuhn zu, denn Leser könnten Formate schlecht einschätzen, für die es keinen Vergleich gebe. Man habe auf den Erfolg des Originals gebaut, das über ein halbes Jahrhundert Zeit hatte, sich einen Namen auf dem Markt zu machen. Die deutsche Ausgabe des Harvard Business Manager, für die Kuhn arbeitet, ist immerhin seit 30 Jahren etabliert. Wären dem deutschen New Scientist erste Erfolge gelungen, hätte der Verlag ihm fünf Jahre gegeben, um Gewinne zu erwirtschften. War die Zeit einfach zu knapp bemessen für die Entwicklung des Blatts? Wir werden es nicht mehr erfahren.

Zumindest ein Jahr mehr hätte sich Katrin Zinkant gewünscht. Sie ist ehemalige Autorin des New Scientist und war zu Anfang Ressortleiterin. Sie wollte mehr Zeit, damit sich das Team einspielen kann, mehr Zeit für einzigartige, kritische Stücke, für etwas Witz und Augenzwinkern. Vielleicht sind solche Texte für das breite Publikum, das gerne mal PM und Welt der Wunder liest, zu anspruchsvoll, mutmaßten die Zuhörer im Saal. Einige Wissenschaftler, die das Heft gelesen hatten, bewerteten den Humor der Journalisten wiederum als unseriös. Zinkants Ärger blieb, Kuhn hielt tapfer die Stellung, schließlich ist er weiterhin beim Spiegel-Verlag angestellt. Er ist überzeugt, dass der Verlag das Experiment New Scientist ernst meinte, sonst hätte er nicht so viel Geld hineingesteckt. Eine Tragödie sei das schnelle Ende trotzdem gewesen, so der Tenor.

Der Ausblick

Konferenzzentrum Bremen
Gibt es Lichtblicke für den Wissenschaftsjournalismus? (Foto: Lisa Leander)

Gibt es angesichts dieser Lage überhaupt frischen Ideen für morgen? Neue Formate für Print wollte niemand verwerfen, dennoch ging es am Ende der Diskussion nur noch um das Digitale. Die Redakteure von Spektrum der Wissenschaft brachten gleich ihr Online-Produkt „Spektrum – die Woche“ zur Sprache, das sie nun wieder „das einzige wissenschaftliche Wochenmagazin“ nennen können. Auch die Teilnehmer der Konferenz kamen daran nur schwer vorbei. Ist das Selbstbewusstsein wirklich so groß, oder fühlt sich „Spektrum – Die Woche“ in Wahrheit zu klein für die Marktlücke, in der es sich so wunderbar breit machen könnte? Das ehemalige Team des New Scientistt sieht einen ganz anderen Silberstreif am Horizont. Denis Dilba und Georg Dahm kündigten das Erscheinen ihres Online-Magazins „Substanz“ für Februar 2014 an. Darin wollen sie tief in Themen einsteigen, Geschichten multimedial erzählen und damit Wissenschaftsjournalismus von hoher Qualität bieten. Eine Idee, in welche Richtung es geht, gibt der englischsprachige Partner „Matter“. Als Anfangsfinanzierung ist Crowdfunding im Gespräch, danach stützt sich das Geschäftsmodell auf Verkäufe in AppStores, Abos und Werbung. Die Besucher in Bremen sind gespannt und wünschen den Neugründern das Beste. Mehr Optimismus ist derzeit nicht drin.