Das schwierige Thema Zeit

Zeit wird heute weltweit unterschiedlich wahrgenommen. Während in Industrienationen die Menschen das Gefühl haben, ihnen rennt die Zeit davon, haben manche Kulturen andere Zeitkonzepte entwickelt. Historisch gesehen ist die Zeit im Zuge der Industrialisierung zur Ware geworden, wodurch unser Handeln schneller getaktet wurde. Bisher wird das Thema Zeit allerdings nur in Special-Interest-Magazinen betrachtet, dabei lohnt es sich auch für Tageszeitungen, den Umgang mit der Zeit in unserer Gesellschaft journalistisch aufzubereiten.

Facetten des Themas Zeit, wie sie in GEOkompakt Nr.27 und Der Spiegel Wissen Nr.4 aufgegriffen wurden: Foto: rosmary, CC-BY via flickr
Facetten des Themas Zeit, wie sie in GEOkompakt Nr.27 und Der Spiegel Wissen Nr.4 aufgegriffen wurden. Foto: rosmary, CC-BY via flickr | Bearbeit von Krauß/Weigand

“Remember that time is money”, diese Aussage von Benjamin Franklin bestimmt unser Leben und bringt uns dazu, den Tagesablauf streng mit der eigenen Armbanduhr sowie dem Terminplaner zu synchronisieren. Ein hierzu divergentes Zeitmanagement betreiben die Menschen in anderen Kulturen. Ein Beispiel:

„Die noch heute archaisch lebenden Bewohner der Andamanen-Inseln im Indischen Ozean […] brauchen keine genauen Angaben über das Wann und Wie lange. Wo sie leben, herrscht ein sehr gleichförmiges Klima. Die Temperaturen ändern sich das Jahr über kaum, die Tage sind im Winter nur etwas kürzer als im Sommer. […] Sie haben einen Kalender entwickelt, der sich an der Abfolge der jeweils vorherrschenden Gerüche von Bäumen und Blumen in ihrer Umgebung orientiert. So brauchen sie niemanden nach dem Datum zu fragen, sondern müssen nur tief einatmen und feststellen, welche Pflanze gerade blüht.“ (Quelle: GEOkompakt (2011): Das Rätsel Zeit. Ausgabe 6/2011, S. 96)

Ob in Teilen Afrikas, in Asien oder bei den Aborigines in Australien – die Menschen betrachten hier Zeit nicht als vergängliche, unwiederbringliche Ware, sondern glauben daran, dass die Zeit nicht vergeht, sondern im Rahmen einer natürlichen Kreisbewegung immer wieder zurückkehrt.

In Europa existiert dagegen ein anderes Zeitgefühl: Bei uns bestimmt die Uhr das Handeln. Wir gehen wesentlich hektischer mit der für uns scheinbar knappen Ressource “Zeit” um und verlieren uns so zunehmend in unserem Drang, die Zeit zu sparen.

Zeit nur in Special-Interest-Magazinen umsetzbar?

Wir planen unser Leben vom Aufstehen bis zum Schlafengehen, selbst die Mittagspause wird im Schnitt auf 30 Minuten gekürzt – genießen ist da nur schwer möglich. Dabei sind die Pausen wahre Wunderwerke, die uns zusätzliche Energie geben. Das Mittagstief kennen wir alle – statt kreativ zu sein, würden wir lieber schlafen. Pausen gelten aber in unserer Gesellschaft eher als Zeitverschwendung – ein Missstand.

Journalistisch wird das Thema Zeit bisher vor allem in Special-Interest-Magazinen aufgegriffen, die sich im Rahmen von monothematischen Heftreihen intensiv damit auseinandersetzen. Dabei werden mit Hilfe von Storytelling-Elementen die verschiedenen Facetten der Zeit personalisiert und Reportage-artig umgesetzt. Entsprechend der Struktur dieser Magazine können die Beiträge mit einer ästhetisch hochwertigen wie auch aufwendig-erklärenden Bebilderung unterstützt werden.

Ghosts of Grand Central. Foto: Dan Nelson, CC-BY-SA via flickr
Ghosts of Grand Central. Foto: Dan Nelson, CC-BY-SA via flickr

Die Umsetzung in monothematischen Heften, wie Spiegel Wissen oder GEOkompakt, hat den Vorteil, dass eine Einleitung thematisch auf die Facetten der Zeit eingehen kann und ein roter Faden das Verständnis der Texte des Hefts erleichtert. Die Bedingungen von Tageszeitungen sind hier grundlegend anders. Während bei den monothematischen Heften eine Produktionszeit von mehr als zehn Wochen die Regel ist, sind zehn Tage bei einer Tageszeitung schon viel.

Als Beispiel ist auch die in Tageszeitungen übliche Knappheit zu nennen, welche die ausschweifende und über mehrere Seiten gehende Adaption eines einzelnen Schwerpunkts schwierig macht. Dies trifft auch auf die Größe und Anzahl der Bebilderung zu. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, dass der Artikel eine stringente Struktur aufweist und sich inhaltlich lediglich mit einem Thema beschäftigt.

Das als schwierig empfundene Thema Zeit lässt sich vermutlich am besten auf Themenseiten oder als Serie umsetzen. Da so mehrere Facetten des Themas aufgearbeitet werden können und nicht nur das Feuilleton bedient wird. Ideal ist unserer Meinung nach eine Serie, die über mehrere Ausgaben hinweg quer durch alle Ressorts behandelt wird.

5 kurze Themenideen zum Umgang mit der Zeit

Zeit betrifft uns alle in unserem Alltag, jeder muss mit ihr umgehen. Doch statt Tipps zu geben, wie sich Zeit sparen lässt, finden wir eine Berichterstattung über den Umgang mit der Zeit in den verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen geeigneter. Folgende Ideen haben wir in einem Brainstorming erarbeitet:

Die Pause als Grundrecht | Ressort: Politik

Der Start einer Serie über das Thema Zeit könnte ein Leitartikel sein, der “Die Pause als Grundrecht” betrachtet. Durch Pausen lässt sich die Produktivität steigern. Pausen geben uns Zeit zum Nachdenken und verhindern etwa nicht durchdachte Impulsentscheidungen in der Politik. Pausen strukturieren aber auch unseren Alltag. – Sie zu nutzen, das ist die Kunst, der ein Politikredakteur auf den Grund gehen sollte.

Die innere Uhr | Ressort: Wirtschaft

Wir werden zu einer ganz bestimmten Uhrzeit wach oder wollen schlafen. Wir bekommen mittags Hunger, den Tag über immer wieder Durst – das alles ist an den Biorhythmus unseres Körpers angepasst. Was, wenn unsere innere Uhr aus dem Gleichgewicht kommt?

Schichtdienstarbeiter müssen mit wechselnden Wach- und Schlafzeiten auskommen und sich im Zweifel von einem Tag auf den anderen umstellen können. Mal ist Höchstleistung zur Mittagszeit gefragt, mal um Mitternacht und dann wieder morgens um drei. Das bietet die Möglichkeit für ein Feature über den Schichtdienst. Die innere Uhr ist ein Thema für das Wirtschaftsressort, weil von ihr die individuelle Produktivität abhängt.

Herausforderung in der Entschleunigung | Ressort: Sport

Regenerative Freizeitaktivitäten sind besonders wichtig, wenn es darum geht, dem Stress und der Eile des Alltags zu entkommen. Im Rahmen einer erholsamen Freizeitgestaltung lassen sich die eigenen Tanks wieder voll auffüllen. Ob Joggen, Wandern oder Joga – es ist wichtig, dass sich die Menschen Zeit für ihren Körper nehmen, auf dessen Zeichen reagieren und somit einen Ausgleich zu den Anstrengungen des Alltags sicherstellen.

Doch gerade in Städten sind solche Möglichkeiten sehr begrenzt. Hier liegt oftmals kein Wald oder See vor der Tür, der für die entspannenden Freizeitaktivitäten genutzt werden kann. An diesem Punkt soll unser Konzept ansetzen. Es ist uns wichtig, für die betreffende Region gezielt Orte, Vereine und Treffs vorzustellen, die regenerative Sportarten anbieten, um so den Lesern unserer Tageszeitung einen Überblick über die regionalen Angebote zu ermöglichen. Dabei sollen auch ungewöhnliche Sportarten, die bisher nicht in der Berichterstattung aufgetaucht sind und zusätzlichen Elan entfachen könnten, im Vordergrund stehen. Thematisch wäre dieses Konzept in das Ressort Sport einzugliedern.

Medizinische Prävention | Ressort: Medizin

Für das Ressort Medizin schlagen wir vor, den Lesern durch die Zusammenfassung gesundheitlicher Risiken, die durch schlechtes Zeitmanagement entstehen können, zu verdeutlichen, welche Gefahren der fahrlässige Umgang mit der Zeit mit sich bringt. Hierzu ist es sinnvoll und lebensnah, den Alltag von Betroffenen zu begleiten und aufzuzeigen, welche Krankheiten und Probleme durch ein schlechtes Zeitmanagement zu Tage treten können. Hier sind etwa Burnout- oder Herzpatienten zu nennen. Wie leben diese und wie gehen sie mit ihrem Schicksal um? Eine weitere Herausforderung bestünde darin, das Thema Zeit in diesem Zusammenhang positiv zu erfassen.

Kolumne: Was Anfangen mit der Zeit?

Jeder von uns kennt das: Der Bus oder die Bahn hat Verspätung. Wir stehen am Bahnsteig oder der Haltestelle und ärgern uns, weil wir deshalb nicht pünktlich zur Arbeit kommen oder einen Termin verpassen. Fällt eine Verbindung dann komplett aus – etwa wegen eines Unwetters – beginnen wir langsam zu lächeln und die plötzlich gewonnene Zeit zu nutzen. Wir setzen uns auf eine Bank und denken nach, sprechen mit einem Mitreisenden – vielleicht ein künftiger Kunde – oder genießen das Wetter.

Eine Kolumne könnte pro Ausgabe diese und ähnliche Situationen aufgreifen und fragen: Was lässt sich mit der Zeit anfangen, die man unerwartet geschenkt bekommt?

Ein Beitrag von Martin Krauß & Moritz Weigand

Literaturtipps:

Der Spiegel Wissen (2010): Mehr Zeit. Vom richtigen Umgang mit einem kostbaren Gut. Ausgabe 4/2010

GEOkompakt (2011): Das Rätsel Zeit. Ausgabe 6/2011

GEOwissen – Die Welt verstehen (2005): Zeit – Das ewige Rätsel. Ausgabe 10/2005.

Geißler, Karlheinz A. (2012): Alles hat seine Zeit, nur ich hab keine. Wege in eine neue Zeitkultur. 2. Auflage. München: oekom verlag

Geißler, Karlheinz A. (2012): Lob der Pause. Von der Vielfalt der Zeiten und der Poesie des Augenblicks. München: oekom verlag

Klein, Stefan (2013): Zeit. Der Stoff aus dem das Leben ist. Eine Gebrauchsanleitung. 5. Auflage. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag