Brücken bauen: Bürgerjournalismus im Netz

Brücken, wie wir sie kennen, sind Bauwerke aus Beton, die dort Wege ermöglichen sollen, wo sie aufgrund natürlicher oder vom Menschen geschaffener Hindernisse nicht möglich wären. Das können tiefe Schluchten oder Autobahnstraßen sein. Es können jedoch auch Grenzen sein, die aufgrund von Sprache, Kultur oder Nationalität entstehen. Dann stellen Worte diese Brücken dar. Gebaut werden sie von sogenannten „Brücken-Bloggern“. In ihren Weblogs möchten sie Gegebenheiten und Ereignisse innerhalb ihres Landes oder Kulturkreises der Öffentlichkeit zugänglich und sichtbar machen. Mit der Arabischen Revolution oder der Krise in Syrien erleben wir solche Zeiten, in denen eine ausgewogene Berichterstattung einheimischer Medien oftmals unmöglich ist, sei es aus Gründen staatlicher Kontrolle oder mangelnder Sicherheit, und Bürger diese Aufgabe übernehmen, um die Welt darüber zu informieren, was sich in ihrem Land abspielt.

Bloggen und seine Folgen

Die persische Blogosphäre stellt mit dem Brücken-Blogger Hossein Derakhshan ein erstes Beispiel dar. Der geborene Iraner ist Blogger, Journalist und Aktivist. Um die Jahrtausendwende stellte Derakhshan einen der ersten Blogs auf persischer Sprache online. „Editor: Myself“ wurde der einflussreichste Blog im Iran. Mit Schritt-für-Schritt-Anleitungen brachte Derakhshan auf einem eigens dafür gegründeten Blogger-Portal anderen Iranern bei, zu bloggen. Die Blogosphäre im Iran wuchs schnell, iranische Bürger fingen im Internet an, sich kritisch gegenüber der Regierung zu äußern. Derakhshan betonte später einmal, dass Blogs besonders Frauen eine Chance gaben, sich anonym im Internet zu äußern. Derakhshan lebte zeitweise auch in Kanada und bloggte von dort aus, um das Interesse an der persischen Blogosphäre bei englischsprachigen Menschen zu wecken. Im Jahr 2008 wurde er verhaftet, in der Anklageschrift wurde dies u.a. mit „Zusammenarbeit mit feindlichen Regierungen“ begründet. Er war nicht der Einzige, der ins Gefängnis musste, 2009 wurden im Iran 40 weitere Medienschaffende verhaftet.

In einem Experten-Interview mit Larissa Bender bestätigt uns die Syrien-Expertin, wie gefährlich Bloggen für Regime-Gegner wie Derakhshan sein kann. Bender studierte Islamwissenschaften und arabische Sprache, arbeitete u.a. für Qantara und verantwortet heute den Syrien-Schwerpunkt der Webseite faust kultur. Im Gespräch mit uns betont sie, dass Blogger, die sich in Syrien gegen das Regime aussprechen, aufgrund der Gefahr im Untergrund leben müssen. Viele von ihnen flüchten in die Türkei, um von dort aus über ihre Heimat zu berichten. Insgesamt würde die Zahl an Bloggern in Syrien abnehmen, „entweder sind sie tot oder in einem anderen Land“, so Bender.

Global Voices – Ein Sprachrohr für viele Blogger

Ein Portal, das sich für Brücken-Blogger einsetzt, heißt Global Voices. Die Webseite wurde im Jahr 2005 von Ethan Zuckerman und Rebecca MacKinnon, beide ebenfalls Blogger, gegründet. Für Global Voices arbeitet eine Gemeinschaft aus 800 freiwilligen Autoren und Übersetzern, die Tweets und Blogs aus allen Ländern in mehr als 35 Sprachen übersetzt. Das Portal will eine „freie Meinungsäußerung“ bewahren und die „Rechte von Bürgerjournalisten schützen“.

Die geschäftsführende Redakteurin von Global Voices Solana Larsen.
Die geschäftsführende Redakteurin von Global Voices Solana Larsen.

Im Rahmen unseres Seminars hatten wir die Möglichkeit via Skype mit der geschäftsführenden Redakteurin von Global Voices, Solana Larsen zu sprechen. Nur wenige Menschen kennen die weltweite Blogosphäre so, wie die dänisch-puerto-ricanische Journalistin und Aktivistin. Ihre Aufgabe sieht sie darin, Menschen wie Hossein Derakhshan eine Stimme zu geben, die sonst von den Medien überhört werden würden. Nicht immer ist es von Vorteil, wenn Blogger in englischer Sprache berichten – so könnten gerade die regionalen Follower schnell verloren gehen. Damit diese Blogger dennoch in der Welt gehört werden, übersetzt das Team von Global Voices. Vor allem in weiträumigen Gebieten oder Ländern, in denen eine schlechte Infrastruktur herrscht, kann dieser Bürgerjournalismus mitunter schneller und unmittelbarer sein. Indem Global Voices diese lokalen Inhalte einer globalen Öffentlichkeit zugänglich macht, gewinnen Blogger Reputation und Glaubwürdigkeit, sodass ihre Berichte auch als Recherche-Tool von klassischen Journalisten genutzt werden können. Natürlich nie ohne Überprüfung, betont Solana Larsen. Das Interesse von uns „Nachwuchsjournalisten“ findet sie toll und ermutigt uns, offen zu bleiben für solche Themen und sie weiterzutragen. Ein erster Schritt ist hiermit getan.

Von Sophia Hahn und Maxime Früh