Böhmermann als Retter der Öffentlich-rechtlichen?

Die nicht enden wollende Medienpräsenz von Jan Böhmermann beschäftigt uns Medienentwickler nach wie vor. Nach dem #verafake, dem Launch von fest & flauschig auf Spotify und dem erneuten Aufflammen der Schmähgedicht-Debatte durch den Landgerichtsbeschluss aus Hamburg ist der blasse, dünne Junge wieder in aller Munde.

Von Stella Lorenz

Bemerkenswert war der scheinbare Kontrast zwischen Böhmermanns Engagement in der investigativen RTL-Entblößung und der Tirade gegen die öffentlich-rechtlichen Sender im Dialog mit Olli Schulz auf Spotify. Die privaten Sender sind also – wie zu erwarten war – absolut verachtenswert, die öffentlich-rechtlichen aber auch nur „Rotz“ (O-Ton Schulz). Nun stellt Ingo Rentz von HORIZONT die These auf, Böhmermann sei für unsere Medienlandschaft unverzichtbar. Ausgehend von folgendem Zitat haben wir uns im Plenum Gedanken gemacht:

Die Abrufzahlen, die das “Neo Magazin Royale” im Internet erreicht, sind phänomenal, von Böhmermann gesetzte Hashtags trenden quasi unter Garantie, und Medien landauf landab greifen die Sendungsthemen auf. Das ist zielgruppengerecht und erhöht die Reichweite eines Formats, das ohne die perfekte Orchestrierung von TV und Internet wohl dazu verdammt wäre, ein Nischen-Dasein zu fristen.

Lob und kritische Worte

„Das kann ich so unterschreiben“, fand Sonja. Böhmermann agiere zielgruppenorientiert wie kein anderer und gebe den öffentlich-rechtlichen ein junges Gesicht. Auch Mo denkt positiv über seine Arbeit, findet aber auch kritische Worte. „Er ist einfach nicht der Kämpfer der deutschen Kultur, Vergleiche mit Ai Weiwei sind da einfach echt weit hergeholt. In dem Sinne, manchmal sollte er sein Auftreten überdenken.“

Das, so Tommy, sei aber ja gerade Böhmermanns Ding: Den Rezipienten im Ungewissen zu lassen, was ernst gemeint ist. „Das zeigt ja nur, wie durchdacht das alles ist. Bei fest & flauschig ist es genau dasselbe, man weiß nicht was die beiden ernst meinen und was nur Ironie ist.“ Die künstlereigene Charakterisierung als einzige Radioshow, bei der der Zuschauer aktiv über die Ernsthaftigkeit entscheidet, sei also treffend. Natürlich sei die Penetranz und Direktheit manchmal nervig, aber auch „ein Stück weit genial“, so Tommy weiter. „Böhmermann zeigt, was bei den Öffentlich-rechtlichen möglich wäre – nämlich ein cooles Image aufzubauen.“

Selbstironie und Verjüngungskur 

Hier stimmte auch Clara zu: Die Selbstironie und Ironie des Multitalents Böhmermann in Bezug auf das ZDF erzwinge quasi eine Verjüngungskur, die kleinen Seitenhiebe auf den eigenen Arbeitgeber seien mutig. „Es heißt, die Hand, die einen füttert, soll man nicht beißen, aber er zwingt die alten Herrschaften beim ZDF dazu, die eigene Medien-Ideologie zu überdenken.“

Studiengangsleiter Prof. Dr. Lorenz-Meier ergänzte, dass in europäischem Zusammenhang die Trennung zwischen traditionellen und neuen, sozialen Medien viel krasser sei als in den USA, wo beispielsweise John Oliver und viele andere TV-Hosts bereits soziale Medien wie selbstverständlich aktiv nutzen und in ihre Arbeit einbeziehen. Böhmermann habe also eine wirkliche Vorreiterrolle in der deutschen Medienlandschaft, die zuletzt absolut gerechtfertigt vom Deutschen Volkshochschulverband geehrt wurde. Hierzulande seien nur wenige Medienmacher zu nennen, die so arbeiten – darunter zum Beispiel die Macher der heuteShow, Joko und Klaas oder der österreichische Moderator und Journalist Armin Wolf. Insbesondere Wolf habe einen „ähnlichen Mut, sich in den sozialen Raum zu stellen“, so Lorenz-Meyer. „Das hat Modellcharakter.“ Finden wir auch.