Böhmermann im Medien-Dschungel

Während sich die Wogen um Jan Böhmermann immer noch nicht so richtig glätten, haben wir im Plenum verschiedene Aspekte der Debatte diskutiert.

Von Stella Lorenz

Da mittlerweile vermutlich jeder im Bilde über die Sachlage ist, hier nur noch ein Mal die chronologische Kurzfassung in Schlagworten:

Extra 3 musiziert – Der deutsche Botschafter wird einbestellt – Böhmermann dichtet – ZDF löscht – Merkel telefoniert – Erdogan klagt an – Merkel eiert herum – Böhmermann taucht unter – Merkel entscheidet – Verfolgungsermächtigung tritt in Kraft – SWR-Korrespondent sitzt fest – die Medien explodieren – Merkel räumt Fehler ein

Tatsächlich ist bislang in unzähligen Medien von unzähligen Journalisten, Politikern, Satirikern und vielen anderen die Causa Böhmermann beurteilt worden. „Spannend, dass man das Gefühl hatte, in den Medien zu lesen, was Böhmermann eigentlich mit der Aktion bezwecken wollte – obwohl er sich dazu nicht geäußert hat. Das ist völlig spekulativ“, meinte Thomas Becht. Klar sei für ihn aber, dass Böhmermann bewusst Aufmerksamkeit generieren wollte. Auch Prof. Dr. Lorenz-Meyer stimmte dem zu, die Reaktion der Öffentlichkeit könnte ein großer Faktor in Böhmermanns Entscheidung, das Gedicht über den Äther zu schicken, gewesen sein. Allerdings, wand Stefanie Oemisch ein, wollte er vermutlich „nur ein bisschen kitzeln. Mit so einem Ausmaß hat er doch nie gerechnet!“

Böhmermanns Ansatz, mit einer Schmähkritik die Grenzen und Limits der Satire auszutesten, ist also gelungen. Prof. Dr. Lorenz-Meyer äußerte dahingehend allerdings Kritik: „Ich sehe hier Ähnlichkeiten zu Charlie Hebdo. Die Karikaturisten gehen ebenfalls an die Grenzen – aber wieso muss es dann zu extrem sein? Wieso muss man Geschmacklosigkeiten erzeugen? Man kann sich nicht aus einer Beleidigung herausschummeln.“ Prof. Dr. Schumacher konnte darauf klar antworten: „Das Gedicht ist auf einer Metaebene zu verstehen. Die Eskalation darum herum ist mir bis heute ein Rätsel.“ Kritisiert wurde aber von den anwesenden Dozenten vor allem die Vorgehensweise Merkels. Eine medial übermittelte Erklärung seitens des Regierungssprechers sei dekontextualisierend, erklärte Prof. Dr. Schäfer. „In so einem Fall ist es wichtig, dass die Politikerin selbst spricht und nicht nur einen einzelnen Satz übermitteln lässt.“ In diesem Zusammenhang kam auch die ungewisse Situation des SWR-Korrespondenten in Istanbul zur Sprache, dessen Festsetzung laut Merkel mit „gewisser Sorge“ zu betrachten sei. Das ungläubige Kopfschütteln im Seminarraum angesichts dieses Zitats sprach Bände. Der mediale Umgang mit Kanzlerin Merkel sei durch die vielen holprigen Aktionen – wir erinnern uns an den Dialog mit dem weinenden Flüchtlingsmädchen – negativ beeinflusst worden, so Prof. Dr. Schäfer.

Interessant wird es also in den nächsten Wochen sein, zu beobachten, ob und wie sich die Dinge auf politischer, satirischer, medialer und letztendlich auch juristischer Ebene entwickeln – vor allem angesichts ihres öffentlichen Eingeständnisses des Fehlers, Böhmermanns Gedicht als „bewusst verletzend“ bezeichnet zu haben. Hier wurde die bereits im Seminar angesprochene Unsicherheit Merkels nochmals verdeutlicht. Ob die Medien Merkels Ehrlichkeit als solche ansehen oder ihr die Rolle des Fähnchens im Wind zuschreiben werden, ist abzuwarten.

Eines ist allerdings jetzt schon klar: Selten war ein Thema politisch und medial wechselseitig so präsent und dabei eng verbunden wie der Fall Böhmermann.