Boatengs Nachbarn und das Geschäft mit der Schlagzeile

Jerome Boateng

Es ist der Aufreger der letzten Tage: Alexander Gauland von der AfD soll Boateng beleidigt haben. Die Reaktionen in den Medien und im Internet waren vielfältig. Wir haben das Thema im Studiengang diskutiert und versuchen nun, das Ganze etwas einzuordnen.

von Francine Heidt und Clara Hechler

“Gauland beleidigt Boateng” titelte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vergangene Woche. Alexander Gauland von der AfD habe gesagt, „Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“ Durch die sozialen Medien geht eine Welle der Entrüstung zum Zitat Gaulands. Innerhalb kürzester Zeit trendeten Hashtags wie #boateng, #gauland und #boatengsnachbar.
Kurz darauf ruderte Gauland zurück, er könne sich nicht genau erinnern, wer zuerst Boateng ins Gespräch gebracht habe. Auch Frauke Petry versucht zu relativieren: “Herr Gauland kann sich nicht erinnern, ob er diese Äußerung getätigt hat.” In ihrem Twitterbeitrag präsentiert sie sich nochmals als Fan der Nationalmannschaft und hebt Boatengs sportliche Leistung hervor.
Es dauert nicht lange, da kommen die Fragen auf, ob die AfD bewusst provoziert oder mal wieder “auf der Maus ausgerutscht ist”.
Stefan Winterbauer auf Meedia.de äußert sich kritisch zum Vorgehen der F.A.S., die bereits vor Veröffentlichung des Artikels im privaten Raum von Boateng (“Boatengs Nachbarn”) für die Ausschmückungen des Artikels recherchiert haben soll. Ein solches Vorgehen würde man eher von der Bildzeitung erwarten, so Winterbauer.

Wer brauchte die Schlagzeile mehr? Die AfD oder die F.A.S.?

Stimmen aus der Diskussion:

“Die AfD erzählt Blödsinn und die Medien stürzen sich wie Aasgeier darauf. Und die AfD erreicht somit nur noch stärker ihre Zielgruppe.”

Weiterhin, so eine weitere Stimme in der Diskussionsrunde, kann man sich eine bewusste Strategie der AfD durchaus vorstellen: “Keine andere Partei tätigt solche Aussagen, die sie dann mit hanebüchenen Ausreden, wie z. B. auf der Maus ausgerutscht, wieder zurückzieht.” Ob es in diesem Fall berechnendes Kalkül war, ließe sich jedoch bezweifeln, zumal die deutsche Nationalmannschaft stark glorifiziert ist und sicherlich auch einige AfD-Anhänger sich für Fußball begeistern. Die Überschrift “Gauland beleidigt Boateng” sei jedoch tatsächlich falsch gewählt worden: Im Artikel hätte man kontextualisieren können, dass es tatsächlich, wie auch in Studien belegt, Vorbehalte über ausländisch aussehende Menschen in der Nachbarschaft gibt. Das eigentliche Problem sei, dass diese Vorbehalte nicht explizit bzw. ausreichend von den Medien aufgegriffen werden. Dies lässt sich auch der F.A.S. vorwerfen, die ihr Augenmerk nur darauf gelegt hat, was Herr Gauland gesagt haben soll und auf eine weitere Kontextualisierung verzichtet habe. (Hätte hier nicht viel eher darauf eingegangen werden müssen, dass sich Herr Gauland ganz offensichtlich nicht von solchen Haltungen distanziert, als dass einen weiteren vermeintlichen AfD-Skandal aufbauscht?)

Das “AfD-Selbstentlarvungszitat”, wie es Winterbauer nennt, scheint in den Medien mittlerweile als dankbares Narrativ aufgenommen worden. Ob nun eine Strategie hinter dem “Wittern – Warten – Leugnen” der AfD steckt oder nicht, darüber lässt sich streiten  – die AfD findet in den Medien viel Raum und zwingt die Medien selbst immer wieder zur Selbstregulation, geht aus der Diskussion hervor. Nicht nur die Rezipienten, sondern vielmehr die Journalisten selbst, äußern Kritik an Berichten und dem Umgang mit bestimmten Themen. Diese selbstreflexive Kritik und Korrektur ist es oftmals, weshalb den Medien der Schuh der “Lügenpresse” angezogen wird. Die Betrachtung, dass auch jedes einzelne Individuum in der Medienlandschaft Fehler machen darf und muss, damit es zu solchen regulierenden Prozessen kommen kann, macht den Begriff “Lügenpresse” zu einem diffusen Gerüst aufbauend auf der falschen Annahme, dass die Medien eine Realität wiederspiegeln würden, die es medial eigentlich doch gar nicht gibt.

(Bild: Creative Common Licence, Urheber: Богдан Заяц, Quelle: http://football.ua/gallery/2231.html)