Auslandsrecherche in der Krise?

Am vergangenen Mittwoch fand am Mediencampus der Hochschule Darmstadt wieder der „ScienceWednesday“ statt. Sechs Vorträge von sechs Forschern gibt es im Wintersemester 2013/2014 zur Veranstaltungsreihe. Dieses Mal sprach Prof. Dr. Torsten Schäfer über „Auslandsrecherche in der Krise?“.

ScienceWednesday, 04.12.2013 2/16

Torsten Schäfer spricht über Auslandsrecherche in der Krise.
Foto: Steven Wolf, CC BY-NC-SA

Die Krise im Journalismus zeigt sich überall

Auf unserem Blog berichteten wir bereits über die krisenhafte Situation der Print-Branche (Stichwort: Redaktionskonzentration). In diesem Zusammenhang kommt die Frage auf: Wie sieht es mit dem Auslandsjournalismus aus?

Torsten Schäfer definierte hierzu zunächst den veränderten Handlungsrahmen, der durch zwei Verluste geprägt ist: Zum einen fällt die Inselposition des Korrespondenten vor Ort durch die digitale Revolution weg, zum anderen rücken ferne Welten durch die Kommunikation über soziale Netzwerke immer näher. Daneben macht sich auch eine finanzielle Krise im Auslandsjournalismus bemerkbar.

Auswirkungen auf den Auslandsjournalismus 

Durch die schlechter werdenden Rahmenbedingungen werden Reise- und Recherchebudgets gestrichen, immer mehr Korrespondenten verlieren ihren Arbeitsplatz. Anhand von Zahlen ist dieser Abwärtstrend besonders gut zu erkennen: In Brüssel waren im Jahr 2005 noch 1300 Korrespondenten tätig. Mit der Zeit schrumpfte die Zahl der Journalisten bis 2010 auf nur noch 752 Stellen.

Nicht nur der Handlungsrahmen verändert sich in der Auslandsberichterstattung, es kommen auch einige Defizite hinzu, die den Auslandsjournalismus prägen. Um Letzteres zu veranschaulichen, zeigte Torsten Schäfer dem Publikum zwei Bilder von EU-Politkern. Dazu fragte er in die Runde, um wen es sich bei den Personen denn handeln würde? – Schweigen im Vorlesungssaal, so gut wie keiner der Zuhörer erkannte Olli Rehn (EU-Währungskommissar) oder Dacian Cioloș (EU-Agrarkommissar). Dieses Beispiel verdeutlicht das Problem der verengten Personalisierung im Auslandsjournalismus. Während Regierungsspitzen weitestgehend jedem bekannt sind, herrscht Ahnungslosigkeit bei den nicht weniger wichtigen Personen.

Die Rolle der sozialen Medien

Torsten Schäfer

Prof. Dr. Torsten Schäfer
Foto: Steven Wolf, CC BY-NC-SA

Auch Facebook, Twitter und Co sind in Verbindung mit der Auslandsberichterstattung zu nennen. Man erinnert sich an den Arabischen Frühling 2010, bei dem die sozialen Medien an großer Bedeutung gewonnen hatten. Letztere nahmen hier die Funktion der einzigen Recherchequelle für Journalisten ein, der Vorteil: Twitter-Beiträge und andere Posts verbreiten sich sehr schnell, sind exklusiv und vielfältig. Aber welche Probleme verbergen sich dahinter? Smartphones und soziale Medien dienten als Werkzeug für die Menschen, um sich bei ihren Protesten zu organisieren. Torsten Schäfer zitierte an dieser Stelle den Autor Asiem El Difraoui:

„Das Zusammenspiel von TV, Internet und Mobiltelefonen veränderte die politische Kommunikation und machte somit die Umstürze erst möglich.“

Dazu schließen sich Qualitätsprobleme dieser Quelle an: Es lässt sich weder überprüfen, wie selektiv die Verbreiter solcher Nachrichten vorgehen, noch ob jemand diese Informationen überprüft.

Die Funktion des Korrespondenten

Torsten Schäfer kam in seinem Vortrag zur letztendlichen Frage, ob soziale Medien den Korrespondenten in seiner Rolle ersetzen können. Veranschaulicht an einer Grafik, erklärte er die komplexe Vernetzung des Auslandsjournalisten und die damit einhergehende Qualität seiner Arbeit, die bei den sozialen Medien fehlt.

Zum Abschluss stellte Torsten Schäfer acht Thesen zur Auslandsberichterstattung auf, darunter die Annahme, dass soziale Netzwerke den Korrespondenten nicht ersetzen können.

Es bleibt abzuwarten, wie sich der Auslandsjournalismus weiterentwickeln wird und welche Rolle die sozialen Medien in Zukunft in diesem Zusammenhang einnehmen werden. Ein Weg diese Art von Journalismus zu retten, könnte nach Schäfer die Internationalisierung der Ausbildung sein.

Die Präsentation von Prof. Dr. Torsten Schäfer finden Sie hier:
Vortag-Science-Ws.kurz