Andrew Sullivan – Geschäftsmodell Authentizität

Die Nachricht hatte pünktlich zum neuen Jahr eingeschlagen wie eine Silvesterrakete: Andrew Sullivan, seines Zeichens einer der bekanntesten und zugleich passioniertesten Blogger der USA, wagt den großen Schritt in die Unabhängigkeit und legt die Finanzierung seines Blogs direkt in die Hände seiner Leser – und hat damit bereits in den ersten Tagen bahnbrechenden Erfolg.

Mal eben von vorn: Im Sommer 2000 beginnt Andrew Sullivan, einen eigenen Blog aufzusetzen. Mit seinem journalistischen Hintergrund, der vom Wall Street Journal über die Washington Post bis zum Daily Telegraph reicht, außerdem fünf Jahren Erfahrung als Chefredakteur bei The New Republic, ist er so einer der ersten „Mainstream-Journalisten“, der sich in die bisher nur von Nerds bevölkerte Blogszene einmischt. Und das mit Erfolg: Andrew Sullivan‘s Daily Dish wandert von Time.com zu The Atlantic Online und schließlich ab April 2011 zu The Daily Beastdie Leser folgen.

Inzwischen besteht die Redaktion von The Dish aus neun Mitarbeitern, pro Woche werden etwa 240 Posts produziert und der Blog hat einen Zulauf von monatlich etwa acht Millionen Seitenaufrufen aus aller Welt. Genug für Andrew Sullivan, einen gewagten Schritt zu machen:

“Here’s the core principle: we want to create a place where readers – and readers alone – sustain the site. No bigger media companies will be subsidizing us; no venture capital will be sought to cushion our transition (unless my savings count as venture capital); and, most critically, no advertising will be getting in the way.”

Im Klartext: Die Leser sollen ab jetzt direkt für den Blog bezahlen: 19.95§ im Monat, wer möchte mehr. Zudem sollen alle Inhalte frei zugänglich bleiben, erst bei einer bestimmten Anzahl an „Weiterlesen“-Klicks greift die Paywall. Über die direkte Verlinkung solle man außerdem immer freien Zugang zum Artikel haben. Was schon anderen großen Redaktionen Kopfzerbrechen bereitet hat, nämlich die vermeintliche Unfairness des Systems, nimmt Sullivan einfach hin und sieht es sogar als das einzig funktionstaugliche Modell:

„The answer is not paid or free, the answer is this messy, leaky mix, with some people paying who read it a lot and others not paying anything at all.“

Eine unkonventionelle und doch so unkomplizierte Sichtweise – typisch Sullivan. Unkonventionell ist wohl auch eines der ersten Wörter, das einem bei seiner Beschreibung einfallen würde. So ist er bekennend schwul und gleichzeitig katholisch, konservativ und doch keiner Partei besonders zugeneigt. Und mit seiner HIV Erkrankung geht er genauso offen um wie mit dem Revidieren falscher Aussagen in seinem Blog. Er ist eine außergewöhnliche Persönlichkeit – und genau deswegen hat er gute Chancen, dass sein Modell funktioniert. In einem Interview sagte er einmal, es sei für ihn selbstverständlich gewesen, sowohl seine Homosexualität als auch die Diagnose HIV positiv offen zu legen, da er seine Integrität als Person und insbesondere auch als Autor sonst in Gefahr gesehen hätte.

Andrew Sullivan ist kompromisslos in seiner Entscheidung, ein Journalist zu sein. Er tritt mit seiner gesamten Persönlichkeit ins Internet, macht sein Privatleben nicht nur öffentlich, sondern gerade seine Homosexualität auch zum Thema vieler Artikel und Bücher. Damit hat er ein ganz eigenes Modell von Journalismus im Netz erfunden, in dem die Leute nicht für das reine Produkt bezahlen, sondern die Person dahinter unterstützen und auf deren Arbeit vertrauen. So sehr vertrauen, dass sie bereits im Voraus für etwas bezahlen, was noch gar nicht existiert. Und der Plan geht auf: bereits nach den ersten 24 Stunden seien Zusagen für über 300 000 Dollar eingegangen.

Doch ist das nun wirklich das Bezahlmodell der Zukunft? Die Frage zu beantworten ist schwer. Eine andere Frage wirft das Modell allerdings ebenfalls auf: wenn das das Modell der Zukunft ist, welcher Journalist ist bereit, so viel von sich preiszugeben und sich in Form eines Blogs regelrecht selbst zu verkaufen? Was für Sullivan eine nötige und selbstverständliche Form der Authentizität ist, ist für viele andere Medienmacher wohl ziemlich sicher eine inakzeptable Überschreitung der Grenze von Beruf und Privatleben – mal ganz davon abgesehen, dass nicht jeder ein so interessantes Privatleben zu bieten hat, wie Andrew Sullivan. So bleibt am Ende des Tages wohl nur, ihm dazu zu gratulieren, ein revolutionäres Modell für sich gefunden zu haben – der Rest der Medienwelt wird allerdings wohl auch weiter danach suchen müssen.