Von Berliner Hinterhöfen und einem spannenden Fernsehtrend

Für unsere Projektarbeit im ersten Semester haben wir das Videonetzwerk Hyperbole in Berlin besucht. Es ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass das digitale Zeitalter für den Journalismus neue Chancen und nicht das Ende bedeutet. Ein Reiseprotokoll.

Quelle: Privat
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Von Thomas Becht

Berlin, Neukölln. Die Adresse trägt den Zusatz: Zweiter Hinterhof, rechter Aufgang, dritter Stock. Wäre es Nacht, würde man diesen Ort lieber meiden. Doch wir besuchen einen Dreh von Hyperbole um 11 Uhr vormittags, die Sonne strahlt auf das Graffiti der Berliner Straßen. Zweiter Hinterhof, rechter Aufgang, dritter Stock also – das Treppenhaus ist staubig, die alten Holzstufen abgenutzt. Gerade als wir glauben, wir seien falsch, erblicken wir das kleine Schild an der Wand: Ein weißes DinA 4-Blatt in Klarsichtfolie, darauf steht schlicht: Hyperbole. Die Klingel? Funktioniert nicht. Die Tür aus dickem Stahl ist nur angelehnt. Sie erinnert ein wenig an den Zugang zu einer Gefängniszelle.

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Ein langer Flur liegt vor uns, leer und mit Spanholzplatten ausgelegt. Sind wir hier wirklich richtig? Aber sowas von! Am Ende des Flures, linke Tür, liegt das Studio von Hyperbole.

Das Berliner Videonetzwerk kommt ursprünglich aus Lüneburg, ist dort im Rahmen eines EU-finanzierten Forschungsprojektes an der Leuphana-Universität entstanden. Es wollte herausfinden, wie öffentlich-rechtliche Grundversorgung digital und modern funktionieren kann. Es wollte politische und gesellschaftsrelevante Themen so erzählen, dass junge Menschen Lust darauf haben, sie zu konsumieren. Das Mittel: Übertreiben und Politik mit Popkultur verbinden. So entstanden Formate wie “Disslike” oder “Frag ein Klischee”. Bei Disslike lesen Prominente auf sich selbst bezogene Hasskommentare aus dem Netz vor und antworten darauf. Bei Frag ein Klischee werden Menschen, vornehmlich aus Minderheiten unserer Gesellschaft, zu existierenden Vorurteilen gegen ihre Gesellschaftsgruppe befragt, zum Beispiel Obdachlose oder Homosexuelle. Die Kommentare und Fragen stammen nicht von der Hyperbole-Redaktion, sondern von den Zuschauern. Sie können sie per Facebook an Hyperbole schicken. Das ist das ganze Konzept des Formats: simpel und genial.

Doch warum sind wir hier? In unserer Projektarbeit, die wir zu viert schreiben, geht es um den Stand von Social TV in Deutschland. Social TV findet dann statt, wenn sich Menschen in sozialen Netzwerken über Bewegtbildinhalte austauschen. Dazu gehört auch, dass Produzenten von Bewegtbildinhalten Möglichkeiten für diese Form der Kommunikation schaffen. Nicht selten können die User dadurch sogar direkten Einfluss auf die Produktion der Inhalte nehmen. Hyperbole ist ein Beispiel für Social TV, weil die Formate des Videonetzwerkes auf der Interaktion ihrer Zuschauer basieren. Nur so funktionieren sie. Die fertigen Sendungen werden von den Usern in sozialen Netzwerken wiederum intensiv diskutiert. Wir wollen wissen, was das Erfolgsrezept von Hyperbole ist und ob es mit dem Trend Social TV zusammenhängt.

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Im Studio angekommen. Wir sind früh dran, der Kameramann von Hyperbole baut gerade das Setting auf. Außer uns ist noch niemand da. Erstmal was trinken. Wir haben die Wahl – Tee oder Bier. Wir bekommen also Tee serviert und dürfen uns umschauen. Das Studio ist nicht größer als ein gewöhnliches Wohnzimmer. Bloß, dass hier drei unterschiedliche Magazinformate gedreht werden, jedes mit eigenem Setting. Jede Wand des Raumes ist unterschiedlich dekoriert, jede Wand für ein Format. In diesem Wohnzimmer entsteht der Inhalt, den auf YouTube mittlerweile mehr als 80.000 Menschen abonniert haben. Unter den Videos stehen meist hunderte Kommentare. Das zeigt: Die Formate werden nicht nur angesehen, sie bewegen auch etwas bei den Zuschauern.

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Der Dreh beginnt. Wir sind bei der ersten Folge “Ask a Cliche” dabei, der englischen Version von “Frag ein Klischee“. Der nächste Schritt für Hyperbole ist es, internationaler zu werden. Der Protagonist ist heute Transgender. Vor allem ist er einfach ein netter Mensch und antwortet geduldig auf die Fragen der Zuschauer, die per Facebook zugeschickt wurden. Er erzählt seine Geschichte, wie er vor Jahren, noch in einem weiblichen Körper, seinen Anblick im Spiegel nicht mehr ertragen konnte, weil die Person, die er da sah, nicht die war, als die er sich fühlte. In seinen Wohnungen gab es deshalb jahrelang keine Spiegel mehr. Mal antwortet er selbstbewusst, mal ist er den Tränen nahe. In dem kleinen Studio hören alle gebannt zu, das Interview geht unter die Haut. Ganz sicher, die Folge ist gelungen.

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Wir ziehen weiter ins Büro von Hyperbole. Raus aus dem Hinterhof, rüber nach Kreuzberg ans Schlesische Tor. Das Büro liegt direkt an der Spree. Nach dem Dreh sind wir nun zum Interview mit der Redaktion verabredet. Es liegt eine gewisse Ironie darin, dass es Hyperbole mit seinen Videos gelingt, Klischees zu entkräften, das Redaktionsbüro aber jedes Klischee vom Berliner Start-Up erfüllt: Helles Altbau-Loft, Holzparkett aus breiten Leisten, nur Laptops mit dem Apfel-Logo, aus einem der Räume dröhnt laute Musik. Für viele junge Leute ist das hier sowas wie der Traum eines Arbeitsplatzes.

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In unserem Gespräch mit den beiden Hyperbole-Redakteuren Aline und Ben wird schnell klar, dass es bei Hyperbole keine Social TV-Strategie gibt. Sie machen einfach. Und machen dabei Social TV, ohne sich dessen bewusst zu sein. Sie machen Social TV, weil sie es selbstverständlich finden, dass die Zuschauer über den Inhalt der Videos mitentscheiden dürfen und weil klar ist, dass das Netzwerk nur dann erfolgreich ist, wenn es dort präsent ist, wo die Zielgruppe ist – in sozialen Netzwerken und zwar am meisten auf YouTube und Facebook. Also ist auch Hyperbole dort am aktivsten. Dieses Selbstverständnis gepaart mit qualitativ hochwertigem Inhalt ist die ganze Erfolgsformel, so scheint es für uns.

Wir sind ziemlich zufrieden mit dem Besuch bei Hyperbole. Das Netzwerk zeigt, was mit minimalen Mitteln möglich ist im digitalen Journalismus. Es hat uns Mut gemacht.

An dem Projekt beteiligt waren Thomas Becht, Tanja Duda, Francine Heidt und Fabienne Sygulla. Wir bedanken uns bei der Hochschule Darmstadt für die Unterstützung bei der Reise nach Berlin.