Null Punkte für Naidoo

Der Terror beschäftigt uns immer noch. Nicht nur uns, vor allem in den Medien ist in dieser Hinsicht einiges Los. IS, Terror, Krieg, Macht, Angst. Wörter, die wir täglich auf so ziemlich allen Nachrichtenseiten lesen können, beziehungsweise lesen müssen. Um so leichter erschien uns das Thema der Wochenschau dieser Woche: Der  Eurovision Song Contest erst mit, dann doch ohne Xavier Naidoo. Im Gegensatz zum Terror ist das auf jeden Fall ein Thema, bei dem man hin und wieder schmunzeln muss.

Von Fabienne Sygulla und Tanja Duda

Es gibt zwei große Pole bei der hiesigen Debatte:

  • Xavier ist toll. Lasst ihn doch. Was habt ihr denn? Das sind also diejenigen, die Xavier Naidoo als einen der besten Musiker Deutschlands ansehen, die ganze Aufregung nicht nachvollziehen können und davon sprechen, dass es doch okay sei, dass jeder seine eigene Weltansicht vertritt.

oder:

  • Was soll denn das? Der Kerl ist homophob, antisemitistisch und steht hinter sämtlichen Verschwörungstheorien. Den wollen wir nicht beim ESC haben! Also diejenigen, die hinter dem Shitstorm gegen den Fast-ESC-Teilnehmer stehen oder zumindest absolut dagegen sind, dass er für uns auf die Bühne soll – ohne, dass wir, die Gesellschaft, gefragt wurden und ohne, dass seine Weltanschauung repräsentativ für unser Land wäre.

Was ist eigentlich passiert?

Vorige Woche verkündete die ARD beinahe euphorisch, dass sich der Sender für Xavier Naidoo als deutschen Repräsentanten beim Euro Vision Song Contest entschieden hat. Der Musiker, der erst in diesem Jahr einen Bambi gewann, dessen Karriere durch “Sing meinen Song” erst kürzlich neuen Schwung bekam, soll beim Eurovision-Song-Contest im nächsten Jahr für Deutschland antreten. “Juhu”, dachten sich sicherlich einige. Doch diese Stimmen wurden überstimmt von einem gigantischen Shitstorm. Die sozialen Medien waren vollgepackt mit Hasskommentaren gegen den Musiker selbst, aber auch gegen den NDR.

Gründe für den Hass waren unter anderem, dass Naidoo eine Weltanschauung teilt, die nicht die Werte Deutschlands vertritt oder vertreten sollte. Schon in vergangenen Jahren stand der Musiker in der Diskussion. Er sei homophob und antisemitisch. Einige seiner Texte wurden als gewaltverherrlichend und meschenverachtend kritisiert. Auch seine politischen Aussagen traten Diskussionen los: Im letzten Jahr trat Naidoo beispielsweise vor den rechtspopulistischen “Reichsbürgern” auf. An Xavier Naidoo haftet ein unangenehmer Stempel – ob wahr oder nicht.
Ein weiterer großer Streitpunkt war folgender: Wieso fragt uns keiner, wen wir beim ESC sehen wollen? Das war doch schon immer so! Was passiert hier mit meinen Gebühren? Flos Ansicht nach, der die Wochenschau präsentierte, wollte die ARD ein ähnliches Debakel wie jenes mit Andreas Kümmert im letzten Jahr um jeden Preis vermeiden.

Auch wenn das Thema, im Gegensatz zum Terror, fast schon zu leicht und unwichtig erschien: Das war es nicht. Wir, die Medienentwickler und unsere Dozenten, diskutierten drauf los. Alle waren sich mal mehr und mal weniger einig. Im Zentrum stand vor allem die Meinung, dass der ESC weit mehr ist als bloß eine musikalische Veranstaltung, in der es bloß um die Musik und den Künstler als solchen geht. Der ESC ist eine symbolträchtigte Veranstaltung. “Der ESC ist eine Institution europäischer Integration. Es handelt sich um eine Populärkultur, die für Zusammenhalt steht. Es werden immer auch politische Signale bei dem Kontest gesendet”, so Prof. Dr. Lorenz-Meyer. Ein Beispiel hierfür ist Conchita Wurst, die vor zwei Jahren den Sieg für sich entschied – und das nicht, weil das gesungene Lied besonders toll war, sondern weil sie (oder er, oder beides) im Kleid mit Föhnfrisur und Vollbart Europa provozierte. Die Transsexuelle setzte ein gesellschaftliches und politisches Statement. “Deshalb kann man nicht einfach davon sprechen, es sei Xaviers Privatleben”, die Sache mit der Weltanschauung. “Der NDR war sich seiner Verantwortung nicht bewusst. Jemand, der von der Öffentlichkeit mit Pegida assoziiert wird, kann nicht als Gesicht unseres Landes dienen.” Schon gar nicht in Zeiten wie diesen, in denen das Gemeinschafts- und Zusammengehörigkeitsgefühl Europas ein wackliges Gebilde ist, obwohl Stabilität und Zusammenhalt so wichtig wären.